Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blühenden Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, daß mich nur die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug auf meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk gefährdeten . . . . Denn da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf dem Posten und durch die Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes versöhnt und erheitert.
Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist möglich ohne Aeschylos und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer Gedankenflüge. Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es beschrieb, ein Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch sonst erfand sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten Segel müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.
Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt, das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in dieser Zone. Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur auf den Brettern, gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein nationales Instrument, und wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie sind.
Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten Hölzer besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos die Form verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den Lappen breite Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie in abenteuerlichen Formen und sah sie in roher Nüchternheit.
Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur Feier der Heimkehr specktragender Weiber den Hügel herunterlief und abschnallte, sah ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen Lappen dar in unanständiger Stellung, der sich im Sturz befand und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend war, und daß seine Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für nötig, seiner Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch die Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das Bild „das Lachen des Ski“.
An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:
Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im Stande schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen, sondern sich damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug der Zeit, die sie zu ihrem Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets den Mut sich zu verspotten und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.
Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute Walhall suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel mir ein, der nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte freudig fauchte, wenn einer den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die primitiven Völker entstellten sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch enorme Busen und Schenkel, um sich mit dieser Verzeichnung ins Über-Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit noch gepfefferter zu machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte man, um die Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach. Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe ironisierte und ins Menschliche somit zurückzog.
Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem Ehrgeiz und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste ihnen nach, sich nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst gehabt, sich preiszugeben statt sich zu verstecken.
Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die Luft sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer glühenden Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste liebenswürdig, mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den Lappen schwingen sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab, sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und man ist nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ sagen die Liliputaner von den Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor der Pupille der andern verstecken, aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen und halten sich den Magen, wenn die geölten Gauche bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und läßt den Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.