Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie hat dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick gefunden, der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war bereits seiner Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich verspottete und in die stolze Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten Posen aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie den Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.

Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel hat, ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das Lächeln des Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne Abwehr ertrug. Von den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines, der sich der Sainte Vièrge zuliebe entmannte und dem spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm, um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu müssen, infolge seiner Vollblütigkeit jedoch verrückt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen, und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an die Spitze.

Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je höher ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich denen an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in Mozarts Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich selbst. Die Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als sympathische Leiche fast wider Willen und erstaunt über seine eigene Atmung noch lebe.

Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern sie führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie zu Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der Dichter dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat gewußt, daß, wenn die angegriffene Unke geplatzt ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im Mittelalter turnierten sie gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon vorbei war, später mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens Satiren sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur zufällig satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben, den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte Jahrhundert ist von Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie, lediglich der „Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen zeitlichen Schmiß. Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den Flair, worauf es ankam und übte sich trefflich und elegant in der Manier des „Don Quichote“ und der „Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab keine Typen, die er hätte zeichnen, keinen Charakter, den er hätte karikieren können und keine nationalen Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten. Er gab wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen „Neffe Rossinis“ und „Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der fremden Satiren und bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.

Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur. Zachariäs „Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang keinem, über die Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen Zielscheiben die ewig menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen auf rohe Studenten, armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der irdischen Schwächen und Stärken liebevoll aufzuziehen. Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen ein Schmarrn. Die Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun, denn um ein Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor sind miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu baden.

Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es kommt nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist an sich gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist bombensicher eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul, der mit seinen scharf gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg fand, der aber ein Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage gewesen wäre, beweist, daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt, formen, sondern er amüsierte sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine Landsleute, indem er ihnen einen Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das war aber nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.

Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und erhaben zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners „Leonce und Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil jenes romantischen reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre siebenundachtzig Potentaten hinweg) menschlich festzuhalten vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den Deutschen den Vorwurf, der Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu nüchternen Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, daß die Führer ihre Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen erzogen haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines Karussells, sie saust nach außen, aber sie baut keinen Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die Bedürfnisse augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von Generälen oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und daß dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang, zeigt sich heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit bereits wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York abfiele von ihren Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß Bayern wie ein Kind monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die Deutschen noch nicht Deutsche sondern eine Zusammenstellung von Charakteren, und daß sie nicht national, sondern Querköpfe sind.

Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her, wo er exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art zusammenzuschließen vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten Liebe verspottete. Er verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten Sinne national zu sein, indem er angriff und spiegelte. Deutschland hat nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn verachtet, und weil Heine wagte, es durch seinen liebenswürdigen Hohn zu erziehen, hat es ihm ein Denkmal verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte zu zerstören. Die Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt sich mit dem blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das Unharmonische macht sich erbärmlich, indem es die Windmühlen angreift, die es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer nationalen Kultur wäre und sie verachten sich damit selbst.

Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe gegen betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige Kleriker oder fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit hineingezeichnet, so etwa, als beuge sich jemand über Wasser und es bliebe, durch eine Welle gestört, das Bild auch unter dem Zittern mit solcher Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch durch die Verzerrung zu empfinden verstände.

England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß sie Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde. Molière und Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die Schoßkinder ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu studieren, mit der man die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem französischen Theater erzog man den heroischen Ton so, daß er in seiner höchsten Pathetik bereits wieder die Untermelodie des Mokanten erreichte, kein Staatsmann, kein Künstler war zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in seinem „Télémaque“ über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in alle Häuser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über Frankreich zum Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter dem Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,