Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates zerlächelte, bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in ihrem Stürzen begleitete, deren Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft Anatole France mit einer weisen und müden Ironie wieder zu Tod zu lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein Jahrhundert alt und schon greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches in Frankreich nie mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk ist in der Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim Heroischen bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im wahren Sinne dem Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen vermissen, haben Constant dem Nüchternen und Stendhal dem Verquollenen und nicht Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre fehlende Kulturbasis gegeben. Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu setzen, so ist das ebenso bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die Künstlerin gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr großer Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.

In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft angefügt wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen Lehrer aus der Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem Ruhm seiner satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös einer Übersetzung allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er dagegen war, achtzigtausend Pfund Sterling Kupfergeld aus Irland zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte bescheinigte, Swift erklärte, es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch Dickens und hundert Jahre nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in „Punch“ und in „Vanity-fair“ seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen gefangen, die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.

Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen, daß er sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker geboren ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte Hochschätzung vor ihren Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in ihnen sehen und sie daher lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die ein strengeres Zusammenraffen des nationalen Geistes in dieser Maskerade verlangen. Beide aber wissen, daß ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie jeder Witz.

Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler angeht, in einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den Briten vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte geleistet, wenn sie auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die Deutschen haben sich einen Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit angedichtet, dessen Anzweiflung schon Ausschluß aus der Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt Fehme auf sich nehmen.

Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings satirisch spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung nicht zu Lächlern, sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe sagen wollen, aber es ist ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist der gleiche Liebeshaß, der die Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft, der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht erzogen werden, die Dichter aber meinen, man müsse sie erziehen oder sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese Schreier, die ihnen Fehler zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen, man müsse diese nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands Herz zu kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild dieser Kämpfer nicht sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in Wirklichkeit nicht besteht, die modernen Satiriker glauben aber, sie müßten wie Savonarola hetzen, um das Volk auf seine Fehler zu stoßen.

Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja auch seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen nicht bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder, die Satire. Es wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider vom besten überzeugt ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.

Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer Straße der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich, schlug ihm den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere Art finden, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Da es ohne Frage ist, daß Satire nötig und daß sie fruchtbar ist, darf sie sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst kastrieren. Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern gehaßt. Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent, den man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die Belästigungen sind.

Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig hinreißend sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird auch gar nicht versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln, sondern sie werden wie Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen Schriftstellern gegenüber die Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte vor Heine, von dem er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es ein Weltmann war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im Augenblick nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der Zukunft ein Material über die Zeit.

Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und der Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich keiner Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon überzeugen zu wollen, daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien, sowie daß Fehltritte unnötig seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit einer anständigen kulturellen Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden, daß die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und dadurch nur mißtrauischer werden.

Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er seine satirischen Bücher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Bürger zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“ und „Professor Unrat“ nicht getötet werden müssen, sondern daß dies der winzige Teil einer menschlichen Schwäche sei, die amüsant besonders im wilhelminischen Zeitalter blühte. So wäre zur Objektivität die Heiterkeit gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt, und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen „Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht als Dupe hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das sie ist, mit graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen sie um dieser Einschränkung willen nur den dokumentarischen, nicht den menschlichen Wert großer Kunstwerke.