Sternheim hat den Instinkt für Voltaire viel gerissener im Blut und weiß eher, daß nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden in einer komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen für Deutschland geschrieben, aber die Maßlosigkeit seiner Ausdrucksweise zerstört das meiste seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei überhaupt nicht für die Gegenwart sondern für ein Publikum der Zukunft zu schreiben, allein er weiß nicht, daß das Kolossale einer satirischen Wirkung nicht durch die Unflätigkeit des Ausdrucks, sondern durch die möglichst unbeteiligte Form geschieht, mit der man seine Nation in den schrägen Winkel gleiten läßt, der das Bild ins Komische bricht.

Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal in einer Abhandlung über die Zeit dem trockenen Ton der Sachlichkeit genähert, allein sein „Modernes Ich“ erfordert Voraussetzungen an Gescheitheit, die ein auf Wirkung lüsterner Autor nicht stellen sollte.

Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung Hermann Essig, dessen „Taifun“ das beste satirische Romanbuch in Deutschland seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer künstlerischen Clique und weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis, die sich mit der Lanzierung einer abstrakten Malerei beschäftigen und hier beschrieben sind, rücken so in die Lupe, daß sie einem deutschen Nationalcharakter sich nähern, vielmehr eher jener siebenten Sippe der ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nämlich den Katzen (Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und distanciert betrachtet wird.

Noch skurriler verkümmert in literarischem Gehabe die satirische Bemühung von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der meisten kritischen Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement kündigt und die aufgeblasenen Armseligen einflußlos auf der Straße liegen, denn erstens ist sie so bissig, daß sie nur unabhängig ertönen kann und zweitens geht sie ohnehin nicht über die Wiener Vorstädte hinaus. Er gibt seinem Organ daher gern die Färbung des Teufels, der einhergeht wie ein brüllender Leu, aber es ist aus der Nähe nicht ein Raubtier sondern ein Verbissener, und aus der Entfernung kein Bespiegler sondern nur ein lokaler Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur stehen müßten, haben sich Mars zugewandt und tragen keine überlegenen Falten im Gesicht, sondern scharf nach oben gewichste Schnurrbärte. Die Dinge werden aber nicht mit Geschrei überwunden, sondern mit der Tat oder mit Achselzucken.

Die literarischen Führer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade und Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Täuschung, wenn sie sich wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu karikieren, bedarf es Liebe und Verständnis für die Schwächen und etwas Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den Trommelwirbeln, die gegen den Bürger schallen, der überhaupt nicht mehr lebt. An seiner statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und Umbildungsvolk sich geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil es sich um Literaturgeschrei gar nicht kümmert, und er sich wiederum nicht um ein Volk zu kümmern vermag, das seine Art nicht nötig hat. Aber man wird zu jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein großartiges, auch giftiges, aber auf den Händen hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte, daß man zum Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten Satiriker sind natürlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie stellen sich nur so, als ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie stellen die Welt in Frage, damit man sie um so liebevoller bejahe.

Die deutschen und die deutschjüdischen Satiriker haben aber nur den ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen verbissen. Albert Ehrenstein hat diese Beschäftigung am weitesten ausgedehnt und sich ein Leidvermögen an der Unvollkommenheit der Welt antrainiert, daß er an jedem Portier das erlebt, was Musset und Byron nur in besonderen Melancholien erreichten. Mit einer ewig wunden Seelennot schreibt er sich aber in ein heroisches Maß der Verneinung hinein und steilt seine Klage um die Erde zu fast grandioser Monumentalität. Hier aber, wo er umkippen und endlich das Ja erleben müßte, hütet er sein Leid wie eine Champignonzucht, und statt nun in angenehmere Partien des Diesseits zu verziehen, wirft er den Trauermarsch seines Hohen Liedes in das larmoyante Geschrei der jüdischen Klageweiber, die gegen Bezahlung tagelang den Schmerz zu artikulieren verstehen. Die Balance ist falsch, das Talent ist nicht als Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die Mauern stehen gar nicht mehr, gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche Satire der Zeit? Zerstören! Aber es fehlt ihr der Partner, und der unnötige Lärm und die Besessenheit machen nur die Unbeteiligten unlustig.

Eher vermöchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener Knitzigkeit herkommen und bei Kortums „Jobsiade“ sich beim Knittelvers aufgehalten haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natürlich gelingt es auch nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wäre immerhin zu konstruieren oder amüsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten, Herrn Freeman, ist beträchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach jedem Satz auf den Magen klopft. Er macht den Trick, einen Naivling, einen unzivilisierten Bauer auf der Suche nach einem Weib, Deutschland durchreisen zu lassen. Der agrarische Parzival, der weder eine Eisenbahn noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion eine ähnliche Einstellung wie Montesquieus Orientalen, welche Frankreich bereisen, aber er hat nicht ihre Vergleichspunkte und damit erlischt die höhere Gesetzmäßigkeit der Satire.

Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem „Michel“ grinst nur ein Bauernlachen über ihm vorkommende Unverständlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht rund, die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein Lächeln ist nicht überlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der aus gleicher Richtung kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist schon fiter und läßt ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm entgegentritt. Auch in seiner Hundegeschichte mischt er den derben Ton der knorzigen Fastenredner hinein und bringt das deutsche Wesen manchmal schon zu Fastnachts-Komik. Allein bei aller herzbrechenden Drastik ist dies nur ein vereinzelter deutscher Zug, der dazu noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist nicht deutsch, sondern nur ein vergröberter Auswuchs und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der Rüpel.

Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen nicht ohne das Phantastische auskommt. Eine Gesellschaft, die nicht besteht, auch noch auf der Milchstraße karikieren zu wollen, ist vielleicht ein Zeichen von Talent (er besitzt es), aber eine unmögliche Satire. Das hätte Cervantes nicht gewagt. Albert H. Rausch sodann, der nicht den Bürger, sondern den Spießer wie Hoffmann und Paul ärgerlich zeigen wollte, im Zustand wie er sich über Urningtum entrüstet, ist ein Zärtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner Provinzstadt dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfüme über das Dach schüttet. Er kann es ohne Ästhetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder selbst, elegant und heiter, zwischen den Bürgern seinem Publikum auf seinen eigenen Händen serviert.

Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Größe und beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustände gefochten und nicht Menschen geschildert. Die stofflichen Anlässe der Herren sind Späteren so gleichgültig, wie uns die preziösen Salons der Molièrezeit, die Arrangementgründe der Shakespear’schen Lustspiele, der Kitzel zu „Leonce und Lena“. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit lachender Üppigkeit die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, daß man sagen kann: hier ist Zeit zusammengelächelt und sonst nirgends? Die Antwort ist: nirgends. Bei einem Schüler von Anatole France, einem gewissen Übelhör, war alles da, wenn auch geschwächt. Allein er hatte, wie Wieland, eine Satire auf die französische Demokratie geschrieben. Es hätte eine Übersetzung aus dem Französischen sein können. Es ist die Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.