Ein Börsenauftrag, Mijnheer, mit Ausführungsbestätigung dauert von London nach New-York vier Minuten und kann tatsächlich effektuiert werden, da die Börse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr zehn britischen Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch?

In Frankreich begleiten, ob ein Präsident aus dem Wagen gestürzt ist oder eine Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt mit dem Keuschheitsgürtel vom verreisten Gatten an die Wand geschmiedet ward, in Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde Sänger und siebentausend in Café-Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen diesen Vorfall mit einer Flut von Spott. Die politischen Ereignisse werden in allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die Erklärungen der Conferenciers in den großen Schaupantomimen, in den Guignols, in den Kaschemmen, wo Schattenbilder gezeigt werden, stellen den Kontakt zwischen Tagesereignis und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und bereitet die ungemeine Empfänglichkeit für die daraus addierten Summen des künstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die viel heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzblätter und Variétés.

In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts eingezogen, die das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde von Herrn Mehring, Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie nähert sich stark dem politischen Thema und damit jener Schärfe, mit der der deutsche Karikaturist sich bemüht, seine Sachen seinem Publikum ins Gesicht zu speien, statt sie ihm gefällig zu servieren. Der Kabarettstil der durchgängigen Nachkriegszeit beschäftigt sich sonst mehr, soweit er diskutierbar ist, mit den „Faits divers“ der Skandale der Hauptstadt. Lediglich den Schauspieler Paul Grätz mit einer fiebrigen, aber gehämmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik. Von der aber fliehen die Bäuche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft lieber zu Apachenszenen und „Zeig mir mal dein Muttermal.“ Man ist dann unter sich. Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzüge, ist, nicht ohne Recht, international verständlich. Es ist eine Sache, es sind Leiber und Frauen, um die es geht, und nicht Experiment um Geschwätz.

Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm gelernt, daß es keine Helden gibt, daß aber nur erhaben ist, was sich belachen läßt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des Menschen überzeugt worden, und nicht davon, daß nur, wo kein Spott hinlange, Größe sei. Der antikisierende Maler Mengs war überzeugt, daß er nach seinen beiden Vornamen die Eigenschaften des Correggio und des Rafael von Urbino in sich vereinige. Er war ein Idiot, der, statt seinen preziösen Bürzel ins Wasser zu stecken, ihn wie eine Trompete in die Luft hob. Er machte sich lächerlich, indem er sich spreizte mit überlieferter Würde, statt daß er sich durch Witze seine Unbefangenheit von soviel anspruchsvoller Tradition erkauft hätte.

Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt für die Wirkung ihrer Figur und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nördlich heißt Schauinsland, ich finde ihn köstlich benamst, weil er voll Schneesturm steht wie ein Vulkan. Dieser Aussichtspunkt westlich heißt Notschrey, ich finde bei diesem Windspektakel das fast verzweifelt komisch. Dieses Getränk hier, Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heißt Horbener, weil das der Landstrich Badens ist, wo am wenigsten wächst. Liegt nicht viel Anmut in diesem Sichverspotten? Man hätte uns nicht nach den heroischen Idealen erziehen sollen, sondern lehren müssen, aus dem Frivolen die Menschen sehen, man sähe gemeinhin sicherer und klarer.

Eine Serie Leben müßte man hinter sich haben, als Kammerdiener des Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwächen und ihrem Versagen fast kämpferisch sich den Glauben an ihre Größe zu erwerben. Aus den Geschichtsbüchern klingt das hohe Pathos des Ruhms allein für den, der Menschen kennt, leicht nur wie Gedudel aus einer Papiertrompete. Das wirkliche Ja hat stets sein Lächeln mit sich wie Wotan seine Raben. Einmal hat übrigens das Lachen des Ski sich umgedreht.

Man hat nämlich, wenn man nicht zünftig die Langriemen beim Skiern trägt, die man selber knotet, den Fuß in der Huitfeldbindung, das ist eine Klammer vorn, die mit einem Riemenschluß an den Absatz verbunden wird, oder man trägt Bilgery, wo dafür eine Rolle mit Stahlfedern tritt. Die Preußen haben diese beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fuß vorn fest säße, die Stahlfeder aber erlaube, in Reih und Glied, nach Kommando und auf dem Ski knieend zu schießen, laut Reglement. Hier ist das Lachen nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.

Hätte der es vermocht, er hätte seiner Heiterkeit Ausfluß gegeben, aber er hätte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich über seinen Schützen gefreut. Der nämlich war, wenn er nicht zwischen dem Schießen und der Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das Symbol jener Gattung von Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen, fatalerweise für sie.

Uns hier hilft nicht einmal das Schießen. Es schneit. Ob wir belachbar sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer, auch im Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen, die noch mörderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus drehte, die sich über den König mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des Vierzehnten, und er starb. Der König war ein Gettatore. Er hatte ihn tot gelächelt.

Die fünfte Nacht