Ich will Ihnen davon erzählen, wie ich das Steuer meines Lebens in die Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von Pernambuco und meiner Kindheit.

In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder dreier Männer auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit Siebzehn bereits unter meines Vaters Führer, unter Montaigne, Homer und Bismarck die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps, der den Suezkanal durchstieß, des Meisters Blériot auf. Ich kam zur Strafe am folgenden Tag zu Tante Evelyn aufs Land und begann sofort hinter ihrem Rücken einen Gleitapparat zu bauen, um das hügelige Gelände auszunutzen. Tante Evelyn bemühte sich aber, mir eine höhere Ansicht beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer glänzenden Gesellschaft ein bärtiger Herr über Ceylon und China Einiges vorlas.

Es waren für deutsche Verhältnisse sehr elegant gemachte Schilderungen dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend ward, jeweils unverständliche Nutzanwendungen fürs praktische Leben dazu gab, zog ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom Reisebureau, aber Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Börse zu ziehen, wenn bei uns Hinrek Maasen von Sumatra erzählte und am Schluß seinem Affen den Schwanz hochzog, daß die Weiber quietschten, aber ich ahnte nicht, daß meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen Hermann Keyserling geführt hatte. Ich sagte ihr, ich hätte Romane von ihm gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt ihren Tibetpelz vor den schönen Mund, fröstelte in der Mondnacht und meinte, das sei eine Verwechselung, fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich meine, sei nur ein Dichter und heiße Eduard.

Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glänzende Romane schriebe, aber hingegen gefeiert werde, wenn man unter dem Namen Hermann den Baedeker in graziöse Philosophie übersetze und dadurch unverständlich mache, und beschloß, mich mit den Schriften des Grafen auseinanderzusetzen, nachdem ich meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus Tantes Vorrat bespannt und imprägniert hatte. Ich ersah daraus, daß der Balte über Reisen gut schreibe, jedoch seine Landschaften mit Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit Wasserfarben verdünne. Ich fand, daß er gegen den Krieg sei, aber heroische Kriegerischkeit lobe, daß er mit dem Sozialismus kokettiere und ein aristokratisches Standesbewußtsein lehre, daß er schrieb, Deutschlands Bevölkerung sei erbärmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und dennoch mit allen abgesetzten Fürsten verhüllte Blicke wechsele, daß er die Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der Wirtschaftskapitäne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung empfahl.

„Findest du nicht, Tante Evelyn,“ sagte ich, „daß der Graf nichts anderes ist wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen seine Verbeugung macht?“ „Mein Junge,“ sagte Tante Evelyn, und winkte ihrem schwarzen Diener, „mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu wissen, daß man alles kennen muß, um alles zu vereinen.“ Ich grübelte lange darüber nach und beschäftigte mich darauf mit der konstruktiven Basis einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besaß. Mich interessierte die Mechanik, auf der so verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich fand keinen Punkt und kein System innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da kam mir eine phantastische Idee.

Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich kürze sie ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am anderen Tag kam im Flugzeug aus Prag ein berühmter weißbärtiger indischer Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher schon den größten Zulauf, so wanderte nun halb Deutschland hin. Ich halte Tagore heute für einen gut europäisierten Denker, meine aber, in Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat und wo Literatur seit Jahrtausenden gepflegt wird, dichten die Sackträger so. Kurz, zumal der Graf aufforderte, nur die besten Deutschen sollten diese exotische Schau vornehmen, begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den Äroplan des Inders anzusehn.

Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: „It is a Farman of course,“ konstatierte ich zu dem Piloten. „In whose interest do you come here?“ Er antwortete in seinem tschechischen Slang: „C’est une affaire de propagande pour la maison de Cook.“ Er hielt mich für einen Piloten und grinste mich verständnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen, den der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die Scheune, hielt ihm eine Pistole unter die Nase und er gestand das gleiche. Ich lachte die halbe Nacht. Am Morgen hatte ich den Punkt gefunden, von dem aus die Konstruktion so vieler Ansichten gehalten wurde: Es war einfach Cook.

Cook transportierte die „Blüte der Nation“ zu jener Weisheit, die wiederum Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte. Zwischen Niederwald und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen Geistes zu stehen. Es war eine glänzende Spekulation. Kein Deutscher würde sich die Besichtigung entgehen lassen. Gemacht! Das Ausland würde sich die Sehenswürdigkeit eines Aristokraten, von dessen Rasse man annahm, sie speisten belgische Kinderhände, und der in Philosophie machte, nie verkneifen. Sensationeller als ein Schlachtfeld! Ich sah mich für meine erste Bewegung nachträglich gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die Börse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte auch recht gehabt.

Ich stürzte den Mittag über den Treibhäusern Tante Evelyns ab und hatte das Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mußte nämlich lachen, als Tante Evelyn im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an das Amulett an ihrem Hals. Ich hatte aus den Geständnissen des Niggers entnehmen müssen, daß sein Zweck war, seine Locken zu opfern für die Andenken, die täglich von dem denkerischen Vorkämpfer Deutschlands gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel, und meine Rolle war ausgespielt.

„Ich wüßte keinen Balten,“ sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit allen Umschweifen erzählte und mit meinem Sturz endete, „ich wüßte keinen Balten, der mich aus dem Gleichgewicht brächte“ und lächelte ein wenig. Dies Lächeln ging mit mir, als ich am nächsten Tag mit seiner Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr, der bei Citroën in Paris an einer Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine Motore sollten Schiffe anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel, unabhängig machen von Kohle. Es interessierte mich mit allen Fibern und war mir mehr Glück als die Schule der Weisheit von Cook. Es interessierte mich sehr, aber es mißlang.