Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe, der Mißerfolg störte ihn keineswegs. „Kaufen wir,“ sagte er „es ist Sensation.“ Er bot meinem Onkel dann die Schlußleitung des Baues der elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache fertig, ich beaufsichtigte sechstausend Chinesen, schoß nachts mit Maschinengewehren nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrückten, ich fuhr mit Gilbert und dem Präsidenten Huerta im fahnengeschmückten Lokomotivwagen die Eröffnungsfahrt durch Mexiko.
An der Empfangsstation stand Cook und drückte dem Onkel und mir Scheks in die Hand. „Wie heißen Sie, Sennor?“, rief er hinter dem Onkel her. „Ich habe Ihnen den besten Motor der Welt verkauft“, sagte Gilbert und steckte die Hände in die Taschen. Cook lachte über das ganze Gesicht: „Sind Sie Ihr Motor, Sennor? Name ist kein Geschäft.“ Mijnheer, ich wurde rot vor Wut und wußte nicht warum. Ich bin von Geschäft zu Geschäft gefahren in der Folge, ich sah, daß alles käuflich war, daß alles nur Geldwert hatte, Börsentaxe und Preis. Ich flog zwar mit Ernst von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschäft, Geschäft! Ich bekam Geld und war nicht glücklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer, und auf meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und ich wußte nicht was.
Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Höhe von Paramaribo hißten wir die gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man die Flagge ein, schmuggelte mich ans Land, ein deutscher Arzt konstatierte die Pest, ich riß aus vor der Baracke, ein andrer heilte mich, aber ich hatte auch da nicht das, was dieser bestimmte. Aber ich hatte das Vergnügen, Herrn Kamnitzer zu empfangen, der von Pernambuco heraufkam, in Firma Reiß Irmãos & Compagnia, ich hatte gute Beziehungen von Mexiko zur Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan und sie umwarb mich, ich trat ein.
Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die Loge des Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten, mich zu begrüßen, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen, salutierte ein Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich und nicht Marion, die Tochter von Reiß Irmãos & Compagnia, obwohl sie schöne Zähne und entzückende Beine und die Hüften eines Jungen hatte, sondern es salutierte das Geld der Firma. Das ärgerte mich, aber ich verliebte mich in Marion, und nun stand mir ein Reichtum bevor, wie keinem andern in Brazil, ich würde Land haben, größer als „The German Empire“.
Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer breiten Schultern, ihrem schmalen Becken und tiefgrauen Augen, denn sie verstand nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem Hirn war nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das einzige Buch, das ich hatte, das Tante Evelyn mir in diesen Tagen sandte, sie las es aber nicht, sondern schenkte es einem deutsch redenden Koch, das kränkte mich, denn es war immerhin, wenn es auch vom Grafen Keyserling war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein gescheites, und für Marion, die nur auf Pferde dressiert war, ein gut geschriebenes Buch. Sie war jedoch zu gut gewachsen, um ihr für Fehler ihrer Bildung zürnen zu können, ich überging es. Aber ich ging in die Küche, als ich dort laut deutsch singen hörte.
Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des Grafen auf eine Pfanne über den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte, las laut und mit Tränen die Seiten, und wenn er eine beendet, riß er sie gerührt aus der Bindung und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er sah mich traurig an, als ich ihn frug, warum er hier sei, griff an den Kopf und lüftete über einem nackt schillernden Schädel seine wollige Perücke. Seine Natur hatte einen furchtbaren Streik geführt gegen die übergroße Beanspruchung seines Schädels, trotzdem er zu einem besonderen Zweck, zur Wiederherstellung der Weisheit in Deutschland, ihn zur Verfügung gestellt hatte.
Ich gab ihm fünf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit „clever“ geschriebenen Büchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland starten zu wollen, denn das Papier und die Schädel gerieten nur tragisch aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein Geschäft zu machen, denn Geschäft sei alles, und darin zu ersticken sei erbärmlicher und langweiliger als ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich dachte aber auch, es sei von Marion nicht schön, das Buch gar nicht zu lesen, und daß der Nigger sie beschäme, der nur ein wenig an Europa und nicht an seinem besten, sondern seinem anstößigen Teil geleckt habe. Während ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der Gesang in der Küche leiser und schwieg dann, der Schwarze mußte die Lektüre beendet und wohl alle Seiten in die Perücke gerollt haben.
Mijnheer, wie raten Sie, daß diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies Stück Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen in den Garten nach Wochen einer säuigen Hitze, in deren Feuchte nachts die Schuhe vor den Türen schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag das Himmelblau so geschliffen, so unendlich zwischen den Bäumen ausgespannt, daß mir armem Burschen die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte vorher zum ersten Male ein Gedicht von Nietzsche gelesen und ich hatte plötzlich die Sehnsucht eines besseren Lebens im Blut.
Ich riß die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurück. Ich hatte mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der Motore gehängt und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte die öffentlichen Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte mich meiner Zeit in die Arme geschmissen und sie hatte mir nichts gegeben als Geschäft. Ich pfiff darauf.
Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen mußten, ich spürte den Glanz und den Ruhm einer höheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht nach Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bücher nicht den Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjährigen nicht die Dreizehnjährigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und wo man die Mädchen nicht in Hängematten halb wie Göttinnen und halb wie Schweine züchtet. Ich wollte eine höhere Anerkennung meiner Leistung als Geld, ich wollte, daß man meinen Namen behält, ohne Absicht auf Geschäft. Ich hatte die Entdeckung eines Ruhms der inneren Leistung gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit einer Glückseligkeit ohne Maßen.