Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, von Reiß Irmãos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber ich machte deshalb keine geschäftlichen Dummheiten, sondern blieb smart. Ich machte mich auf, nun endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas über Blériot hinaus und etwas glänzender wie die Karikatur des Balten. Ich trennte mich an jenem Tag von Chamforts Armee der Dummen, die alles Geistige verlacht, aber ich gesellte mich keineswegs zu den hochmütigen Fratzen, die auf den Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein Meister der Impertinenz, aber ich habe das Erröten dazugelernt.

Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt vor der Größe der geistigen Welt über der scharfen Nase nach oben getrieben emporstrebt.

Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu überschätzen. Man nimmt ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und weiß sich eines ewigen Besitzes dennoch nicht unteilhaftig.

Dies, glauben Sie, sei natürlich, und ein Narr, wer diese Verbindung nicht fände? Es hieße, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite Kallipygos in eine Figur bringen, das schmächtig Knabenhafte und die wollüstige Fülle verbinden, es hieße Leben und Arbeit versöhnen, Kampf und Muse in dasselbe Bett zur Zeugung legen und schließlich Kunst und Dasein in eine seltsame Harmonie wiegen.

Das, Mijnheer, ist fast Übermenschliches schon, und wer es völlig zu lösen verstände, wäre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber nur nahekommt, hat verfluchtes Glück oder eine gesegnete Masse Blut gelassen.

In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia desertiert, weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten Erfolg oder das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehütet jenseits der Scherze, denen ich in meiner ersten Jugend beiwohnte? Wie fand ich später, als ich nachdenklich und kritisch wurde, Nation und Leistung und Kultur zusammengewachsen mit jener geheimnisvollen respektuösen geistigen Erregung, die jeden bedeutenden Ruhm in ihren Tiefen lange über die Menschheit erzittern läßt?

Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und die Gegenwart sich zusammenfügten, und ich fand den Hebel noch weniger, mit dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repäsentativen Träger heben konnte. Ich fand nur Zauberkünstler und Akrobaten.

Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststücke so erbärmlich, daß auch das Publikum ihnen bald nur Gelächter schenkte. Ich fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend beiseite, weil es ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand die Bürger das geistige Leben subventionieren und innerlich verachten und die Arbeiter noch beschäftigt mit der Befreiung aus der Sklaverei und weit entfernt, aus sich schon jetzt eine Unterlage von Gesellschaft unter die Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die irgendwo schwebende Ehrfurcht vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation, die ihr schönes Geäste über sich hochtreiben könnte.

Ich muß daran denken, daß ich Anatole France und Herrn von Ghérardine an einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise Romancier die Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit und die Geringfügigkeit eines wirklichen Einflusses mit seiner melancholischen Heiterkeit klagte. Und ich hörte, wie mir Ghérardine, der mit den violetten Farben des Quartier Latin geschmückte König der Bohème, ein Verse machender verkommener Bürger, Bruder eines Admirals der französischen Flotte, dem man Absynths bezahlte, mir abends vor einem Café des Boulmich gascognierend rühmte: wie sein Beispiel und seine Angriffslust seine Bevölkerung beeinflußt habe.

Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau, der meinte, die Künstler verdürben das Volk, und der ihnen damit eine Tätigkeit zubilligte. Kein Dichter hat einen wahrhaften Einfluß von sich auf die Welt gehabt und keiner hat sie verändert. Sie vermögen dem Volk und der Zeit und den Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt. Rousseau war ein Naturbesessener, weil seine Zeit auch ohne ihn begonnen hatte, aus den Zwängen und Vergipsungen zu stürzen und die Freiheit wieder zu suchen. Anatole France hat das Pech, nicht die Spitze einer erlesenen Epoche zu sein. Aber er ist darum gerade der Repräsentant seiner Gesellschaft, die er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig ist, und die nicht auf ihn hört, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er annimmt, daß sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr besitzt sein Werk nichts anderes wie das müde und sich verspottende Lächeln seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine bürgerliche und abgekämpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil schläft.