Auch Herr von Ghérardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr war, denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatürlich dumm war, daß ihn bloß die Idioten besitzen können. In Wahrheit hat nie ein Künstler eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefühl seiner Nation, sondern er ist als Erfüller ihrer Höhe oder als revolutionärer Bekämpfer stets nur Seismograph ihrer sichtbaren oder geheimen Veränderung gewesen.
Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit, rief er aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr Beauftragter, denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten eine andere Form sich zu nehmen.
Für oder gegen die Gesellschaft sein heißt nur ihre momentane Kraft oder ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Künstler vermocht, aber mancher wohl gewünscht. Wer daraus schließt, daß erst die Dichter die Revolten ausriefen und dann die Umstürze erst kämen, der verwechselt ganz an der Oberfläche des Denkens die Ursachen mit den Wirkungen, indem er nicht einmal bedenkt, daß Gedanken sich rascher formen als die schweren politischen Tatsachen.
Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen Wegweisern am Hut und den Kommandos zur Läuterung auf der Zungenspitze bedingungslos verdächtig, weil eine Epoche, wenn sie aus dem Verruchten heraus will, sich des moralischen Zeichens ihrer Absicht bei den Dichtern mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit und einer organischen Innigkeit der künstlerischen Maße bedient. Ethik als Dompteurnummer ist eine Erfindung schwacher Dichter und verwirrter Perioden der Geschichte.
Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewußt:
Karl der Große benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu üben, und im „Rolandslied“ war es immerhin schon so, daß er der beste und seine Feinde die schlechtesten sind. Aus diesem Säuglingsniveau der Geschichte trat im Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die Gesellschaft der Höfe ist ihre Tugend und die Gefühle ihrer Form sind die der Sitten ihrer Nation. Hermann von Thüringen gab Walther von der Vogelweide Aufträge und Wünsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft dichtete ihre Literatur um seinen Hof so, als ob es seine Wünsche wären.
Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfünfzig Kapitel des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am Biwasee, indem sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit nichts wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.
Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Höhepunkte der Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso wie die Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses Kunstzweigs so begriff, daß er ihm ein steinernes Magazin bauen ließ und sechs Offiziere hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die Karl der Siebente zum Andenken an seinen Sieg über die Engländer bei ihm bestellte, nicht nur selbst in den Kartons kontrolliert, sondern auch selbst die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache, daß man überhaupt einen Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch weiter, wie sehr das eine und das andere sich ergänzten.
Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und seine Regierung mit dem Beginn der größten Portraitistentradition Europas geschmückt.
In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zärtlichste und besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup erzählt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der König hätte kein edleres Symbol als diesen finden können für seine Epoche, die sich zu veredeln begann.