Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklöster einstieg und nach Recht an den Strick gehörte, der sein Leben zeitweise mit der Ausübung des Stierkämpfergewerbes fristete, überhäufte der spanische Hof und seine Aristokratie mit Aufträgen, obwohl der glatte und klassizistische Mengs dort herrschte, weil man in seiner Wildheit und revolutionären Kühnheit der Farben, über die von ihm verübten Totschlägereien hinweg, das Barocke und Eigentliche des spanischen Gesellschaftscharakters und in ihm genauer wie in Mengs’ Amouretten den Bruder des Velasquez erkannte.
In der ägyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets gleichbleibende sakrale Haltung der Führerclique erhalten, und die fast ans Göttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in Nüancen verändert, der gleichstrebende Ausdruck ihrer Macht derart, daß, so allgemeingültig wie damals, nach viereinhalbtausend Jahren auch heute noch die sitzende Figur der Nofrit die schönste Frau ist, die je diese Erde berührte.
Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen Allgemeingültigkeit wie bei den Nilvölkern, die Trennung der Kasten so scharf durchgeführt und steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen Bewußtseins, daß alle Kunst irgendwie den belehrenden Zug bekommen mußte, der die Tugenden und Fehler jeder Schicht abgrenzt nach oben und unten. Es konnte so das Witzige geschehen, daß sowohl Karnisuta (in der Sprache, die am üppigsten das Poetische in der Welt verwaltet), ein wissenschaftliches Lehrbuch für das Diebhandwerk schrieb, und hingegen die Fürstenerzieher in der Form vollendeter großer Dichter den jungen Königen klar machten, daß sie die Pflicht, den Staat zu lenken, unbedenklich über die sonst streng für andere von ihnen geforderte Moral stellen dürften.
Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine Orangerie zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit Porzellanen, man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so illustriert das die Sorgfalt, die er seiner Meißener Manufaktur schenkte, die wiederum nichts anderes war als der graziöse Niederschlag der Sitten seines Hofes und der Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung. Und ebenso weiß man, daß Friedrich der Große die Höhe der Porzellankunst in seiner eigenen königlichen Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat, die ihrer Bedeutung entsprach, daß er den großen Dessertaufsatz für Katharina von Rußland selbst redigierte und entwarf und daß dies nicht nur eine Spielerei von ihm war, sondern daß er nur eine repräsentative Geste machte für jene Parallelität zwischen Gesellschaft und Kunst, die damals bestand.
Den europäischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten Ludwig erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch die Künste in sein Merkantilsystem einzufügen, das in der Figur des absoluten Königs eine wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand. Colbert zentralisierte alles in den Ruhm seines Königs hinein. Er legte unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie, die Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz zu den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen an und suchte damit wie in Bank-, Forst- und Kriegsgeschäften nicht das französische Genie, sondern seinen König farbiger zu zeigen. Ludwigs Haushofmeister sagte Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs Kunstbudget sei so enorm, daß es jeden originellen Plan auszuführen bereit sei, um ihn keinem anderen Volk zu gönnen. Die absolute Hofform war entschlossen, alles Individuelle aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese Gesellschaft wieder in einer so konsequent gegliederten und auf eine imposante Herrlichkeit bezogenen Form, daß sie das Gepräge der Geschlossenheit mit dem der Anmut zeigte, welches die Epoche in einem einzigartigen Maße hier besaß.
Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionären Klasse, die allerdings später auch wieder bürgerlich sich zu beruhigen bestimmt war, bis ihr die neusten revolutionären Spreußen der Bolschewiken in das Antlitz sprangen.
Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie die bürgerlich revolutionären Epochen sich in der Kunst deuten ließen. Holland wiederum, das bürgerlich früh begonnen hatte, vermochte dem Zauber der höfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, daß nach einigen Ausschlägen und Angleichungen an die spaßigen Figuren der neuen Schichten und deren Bedürfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder höfisch wurde.
England jedoch hat seine umstürzende Revolution so früh gehabt, daß seine Kunst sehr bald das bürgerliche Leben in aller Breite umfaßte. Reynolds und Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewußten bürgerlichen Schicht, deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft, da zu sein und zu herrschen, desavouierte, und die Demokratie Englands ist nicht etwa Zerfall der Einheit zwischen den Musen und den Menschen, sondern erst recht ein ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze große Literatur der Briten von Goldsmith bis Shaw, von Smollet bis Scott, von Dickens bis Fielding ist ein Bild der Gesellschaft, die sich bürgerlich und nicht aristokratisch bewegte, und das machte sie bedeutend und gab ihr die große europäische Resonanz.
Das verlieh ihr mit den Geißlern Hogarth und Swift und den Ironikern Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd übte, die sich nach oben und nach unten abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser Menschen ihrer Literatur das ethisch-weltmännische Cachet einer bürgerlich-stolzen Kunst gab. Während der Franzosen vom Hof her oder von der Aufklärung her im Grunde skeptisch-frivole Kunst wie alles Französische letzten Endes nicht in der Nabelschau der Sitten hängen blieb, sondern, künstlerischer gezüchtet, stets ebenso sinnlich wie logisch sich durchdrang.
So prägten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den Königen bis zu den Zöllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich in der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es wäre die abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der Rutschbahn drehten sich um die Epoche, sondern die Zeitläufte liefen hinter ihren Kirmis-Schatten her. Man käme nicht nur zu falschen, sondern zu idiotischen Schlüssen, etwa wie jener Engländer, der in Grénoble einem rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal schrieb, die Franzosen stotterten und besäßen ein rotes Fell; oder wie Petron noch bissiger behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias durch Scipio Mütter mit angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und daraus schloß, es sei die Eigentümlichkeit mancher Völker, ihre Toten zu verzehren. Er war ein Spaßmacher und wußte wohl, daß die Frauen nur hungrig waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit der Religion nicht verwechseln.