Die Bindung war so innig, daß Wechselbeziehungen zwischen Nation und Künstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schließen ließen. Der Künstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie irgend ein General und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit war, einen um so höheren Platz ein. Voltaire war der Freund des großen Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von hundertsiebenzehntausend Realen für eine Arbeit und öffnete ihm alle Salons. Voltaires eigener König aber, um ihn zu ärgern, trug die Kosten eines Stückes, das er bei dem älteren Crébillon bestellte. Die Maintenon ließ den zärtlichen Racine biblische Stücke schreiben, von denen Friedrich wieder sagte, er habe lieber die „Athalie“ geschrieben als seine Kriege gewonnen (aber er dachte das nicht).
Das künstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, daß die Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich, sondern auch die russischen, schwedischen und polnischen Höfe als begeisterte Neugierige umfaßte. Petrarca konnte sich anmaßen, Schiedsrichter im Seekrieg zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst in kirchliche Dinge sich einzumischen, indem er die Päpste beschwor, Avignon zugunsten von „Roma urbs“ aufzugeben und tat das gewiß nicht als Vorrecht seines dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in einem so vollkommenen Literaten einen vorzüglichen Bürger erblickte.
Die gesamte französische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen und Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Beträge manchmal nicht gewaltig waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften, nicht gering. Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und zum Offizier bestimmt, erhielt mit fünfzehn Jahren von der Akademie eine ehrenvolle Erwähnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von Toulouse und mit zwanzig für seine Oden eine Jahrespension von tausend Francs durch den achtzehnten Ludwig. Der vierzehnte Ludwig hatte den göttlichen Bernini wie einen König an der Reichsgrenze abholen lassen, ihn mit erdenklichem Pomp monatelang gefeiert und für sein Portrait ihm seine königliche Freundschaft neben einer großen Summe und einer erträglichen Pension verehrt.
Dagegen besagt die Legende, daß Cumae dem Homer die Rente verweigert habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen würden, nichts anderes, als daß man einen Bürger nicht von einem anderen des Talentes willen zu unterscheiden gewillt sei und nicht, daß man ihn nicht gerne auch mit dichterischem Ruhm bekleidet an die Spitze des Staates stellen würde. Dasselbe haben, aus der demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus, die Venetianer ohne Zweifel gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die Pension nicht gewährten, weil sie annahmen, er würde, reich, nichts mehr arbeiten.
Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher Klugheit den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins, sondern auch der prominenteste. Bürger ihrer Stadt war, unter der Teilnahme des Volkes in ihrer schönsten Kirche beigesetzt. Die Briten haben das Gleiche veranschaulicht, als sie Sir Joshua Reynolds, ihren weltmännischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche zu London begruben, und sie taten dies nicht, um die Kunst zu ehren, sondern um dem Bürger ihren Beifall auszudrücken, der durch Kunst dem Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefügt hatte.
Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den Künstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschäfte zu führen, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge für ein Gedicht erhielt, der mit Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses wurde, der das glühend-weinerliche Buch von Pompejis Untergang schrieb, wurde britischer Minister und beigesetzt in der Westminsterabtei. Die Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die Nähe der Höfe weit über ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen Briten überließen ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im Tauglichkeitsfalle die Leitung der Geschäfte ihrer Nation. Sie gehörten als Zeitgenossen in die Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern, wurden wie die übrigen geehrt und fühlten sich selbstbewußt nicht weniger wie die Offiziere und nicht weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher ebenso hungrig nach Geld, das sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.
Ihr höherer Ruhm umglänzte sie über die Zeit hinaus, aber sie gedachten nicht der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie trieben ihr Handwerk im Maß ihrer Talente. Die Veronese und Rubens wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die Menge der Bestellungen ihrer Zeitgenossen sonst nicht bewältigt hätten und sie bedurften dieser Aufträge, um den Aufwand ihres Lebens zu bezahlen. Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben nur deshalb wie die Tollen, damit sie mit den Einkünften ihre wirtschaftlichen Bankerotte balancieren konnten.
Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, ließ seine Gedichte drucken, da er durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein ähnliches Gesicht und Gainsborough sprach nicht ohne Lächeln, er wünsche Geige zu spielen und male lediglich, um sich den Lebensunterhalt für dieses Vergnügen zu verschaffen. Noch Oscar Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und verschwand, um rasch ein Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen, ebenso wie Tobias George Smollet, der sich hin und wieder aus den Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gästen zurückzog, um seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines Romanes zu liefern, die ihm die Fortsetzung seines Lebens ermöglichte.
Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die meiste Freiheit gehabt anzuzeigen, daß ihnen gute Kunst ein gutes Leben wert sei und daß ihre Gesellschaft die verdammte Natürlichkeit haben müsse, es ihnen zu liefern. Sie empfanden sich so sehr und so glatt als Partien einer Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, daß ihnen der üble Ästhetenton gar nicht in den Sinn kam, mit dem die schwächlichen Künstler jeweils mit häßlichem Pathos von der Heiligkeit der Kunst predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern, die Zunge nach Roastbeefs heraushing.
Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die entsprechende Vergütung. Walther von der Vogelweide verlangte unzweideutig sein Lehen als Lohn dafür, daß er sich für die Staufer die Kehle ausschrie, und die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das anerkannt.