Mißfälle beweisen ebensowenig wie das Faillit großer Kaufleute, die nicht einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz retten konnten. Die Künstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen ihrer Zeitgesponse gesäckelt, was sie scheffeln konnten, und haben versucht, sich das Leben so prächtig zu machen wie es ging. Und die Bastonade gehört dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen möchte.
Denn daß jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute unsinnig geschwatzt wird, oder ähnliche Konfusionen auch nur zu denken, ist genau so verwirrt als wünsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur seinem Phallos, wo er doch in seinem Körper einen Gesamt-Organismus mit guter Speisung so zu versorgen hat, daß alle Glieder marschieren oder alle verloren sind.
Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen höchstens, daß die Ausübenden sehr geringfügige Herrschaften sind, oder daß die Zeiten und ihre Gesellschaft höllisch sein müssen. Denn daß jemand von ihnen in die Kunst flüchtet, das heißt im Grunde nichts anderes, als wie sein eigener Schatten von sich selbst davonlaufen. Die festen Leute haben im Gegenteil jederzeit erreicht, daß Kunst keinen Heiligenschein aus Papiermaché bekam, vor dem sich nur die Sonntagsjäger der Nation verneigen würden, sondern daß Kunst ihren Zeitgenossen soviel wert war an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu verfertigen in der Lage waren, und daß es ihnen auch Glanz gab und jenen heimlichen Ruhm noch hinzufügte, der keiner geistigen Heldentat zu nehmen ist. Sie verstanden sich unter ihren Zeitgenossen als Männer der Erde auszuwirken und dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst unsichtbar zu entfalten.
Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht „Deutschland ein Wintermärchen“ allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die Tränen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer, derselbe Mond, der seine heimatliche Landschaft überfunkelte, ist eben aus der gleichen Inbrunst auch draußen über Ihrem Kopf aufgegangen und die Wolken haben sich so sanft um ihn entschleiert, als wollten sie seine Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer Eile begrüßen und die Pause feiern, die die neu formierten Sturmtruppen bald wieder mit Geknatter zudecken werden. Indem er die Schneewüste sanftblau bis an die Gesichtsgrenze färbt und alle Gegenstände in eine geheimnisvolle Entferntheit hineinrückt, hat das Gestirn einen Zauber, als trage es in seiner stillen Heiterkeit über die Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das Sinnbild einer ewigen lichten Bestimmung.
Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheißung, dem ich von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin, und die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat gebunden. Ich habe in Deutschland gesucht, jenes Gefühl Europas zu finden, das mich am tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat sich mir nur selten entzaubert und ich mußte in den langen Mondnächten fremder Nationen mir erst die Bestätigung für meine Sehnsucht holen, die mir die Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu geben vermochte, und die Mondnächte der Fremde waren oft von jener glühenden Schönheit und Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie auch nicht die verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der unvollkommenen Deutschen besaßen . . . . . . . . . . . . . . .
Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religiöse Agenten in der deutschen Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden Dämonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in „Ruodlieb“ kam Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schüchtern auf und „Rother“ schildert Vasallentreue. In „Blanche und Blancheflor“ aber liegt schon wie der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb in immer heftigerer Pracht über die guten Jahrhunderte des Mittelalters. Österreich wehrte sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die Zeit irr ihren Gebräuchen und in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt schien, aber der Vogelweider brachte die höfische Schärfe zusammen mit den Lilien, Rosmarin und Rosen des Volkslieds, das damit ausstarb, in eine gelockerte Pracht. Um Hermann von Thüringens Hof scharte sich der Olymp der Poesie, Walther, die Schüler des Veldecke und Wolfram, der wie Walther nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen anderen ritterlichen Mäzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von Straßburg. Ein Würzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs zwischen den Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte höfische alemannische Epos.
Die Kunst geht in die Städte und magert ab über den ganzen Körper. Die Bürgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemäuer um sich, sie läßt die Sprache nicht blühen, sondern benutzt sie als Turngerät für ihre spießigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt werden soll, und es gibt nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen Park, hat man die Kunst in eine Abdeckerei gefahren und statt als nackte Göttin haben sie als ihr Sinnbild einen Paragraphen auf den Sockel gesetzt.
Es gibt keine Demokratie in den deutschen Städten wie in England, es hilft kein breites bürgerliches Selbstbewußtsein sich mit ihr wie Venus mit dem Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist bestimmt, zwar große Zeiten zu erfüllen und mit ihrer Schönheit den Glanz einer göttlichen Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an die bärtigen Krämer verkauft. Es gab kein Deutschland, das sie repräsentiert hätte, sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen und Friedensschlüsse, die alle für andere Rechnung gingen als für das Nationalgefühl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte noch einmal ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen leeren Wald. Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher Gefühle fallen. Das war vorbei.
Die Gelehrten bemächtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar mit ihr gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines Bienenstockes durch die Literaturen auf die Völker Frankreichs und Englands und ihren Bau und ihre Geschichte und ihr Schicksal sehen. Durch die dürren Treillagen der deutschen Poesie sieht man in eine Morgue.
Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit längerem mit der Literatur zu beschäftigen gewöhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung und ihrer eigenen Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem schmerzlichen Verhängnis heraus, denn im Herzen hätte mancher lieber die Stelle eines Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten, ausgeübt. Man sieht auf eine Pantomime von Herren, die ihre Glieder und Gedanken im Rhythmus der Sprache bewegen, aber man sieht kein Volk. Denn weder in den Taten der Bejaher noch in den Gesten der Verneiner lag etwas von dem Elend oder der Höhe des Volkstums, sondern, was sie produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und ihr Geheimbund interessierte sie, aber nicht das Volk.