Waren sie für oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche Unglück, daß keine bestand und daß sie daher eher Kuriositäten als Sinnbildern glichen. In dieser Verwirrung schienen sie seit langem entschlossen zu sein, Revolutionäre zum mindesten zu bleiben, soweit sie nicht die nächste Umgebung ihres Hauses zu besingen sich mühten, und vor lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer gesunden konservativen Art.
In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht einmal saß, liefen wie junge Engländer des Mittelalters die Männer des Sturms und Drangs herum, die Schlegels als Prachtstücke der katholischen Propaganda, die Gottschede frisiert à l’oiseau royal, und selbst die Tiere schienen eine andere Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche darzustellen. Um was es bei diesem Getöse ging, war keinesfalls die deutsche Nation, es war die Beschäftigung einiger Schicksalbestimmter mit einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nächst-Beteiligten aber gar nicht kümmerten.
Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland gab, sondern einige Dutzend Fürstentümer und daß deren Interesse ihre Landesgrenze war und nicht die Welt. Das bürgerliche Volk las englische Romane, die Aufgeklärten wandten sich der französischen Literatur zu, die Masse fand die Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur blieb großenteils Beschäftigung der Künstler und bekämpfte sich durch sie, wie üblich in Deutschland, bis aufs Blut.
Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und auf armselige Weise ihr Leben zu verbringen, während die Engländer in Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen wurden für eine einzige Geste weltlicher Urbanität. Die Deutschen waren so zersplittert, daß sie in ihren Poeten nicht die besten Formen ihres Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten Tafeln ihres Ruhmes zu erkennen vermochten. Es bestand keine Bindung, keine Ehe, ja nicht einmal eine flüchtige „menage parisien“ zwischen der Gesellschaft und der Kunst, und die Rebellen wurden beseitigt und nicht geehrt und gefürchtet, und die Starrköpfe wurden wie das „Junge Deutschland“ gleich einer Savoyardenbande über die Grenzen gekehrt.
Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen würdigen selbstbewußten Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die verfahren, die seine Lieblingskinder sein müßten. Wohl haben einige Fürsten die Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch mit den Musen zu umgeben, und nach dem großen Friedrich, der allerdings europäisch eingestellt war, haben einige seiner Nachfolger sich auch für die Bühne interessiert. Allein, es war nicht das Spiegelbild preußischer Tugend und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten nach der Atmosphäre des Theaters und dem Betrieb seiner unterhaltsamen Luft. Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf, doch hatte der beste Wittelsbacher die falschen Karten in der Hand und den Wahnsinn im Hirn, und ihm so wenig wie dem hessischen Brabanter, der zwischen zwei Generationen sich setzte, gelang es, die Sünde der Jahrhunderte und das Fehlen des Geistes und eines mächtigen nationalen Ausdrucks durch Schwanengrotten und Jugendstilkolonien zu ersetzen.
Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Höhe ihrer besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht kulminieren lassen wie die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen nicht nur nicht das Recht gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern sie haben einen Makel auf diesen Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel her gefürchtet, vom Bürger her verachtet, haben ihm das Brot und die Karriere und die Bewegungsfreiheit genommen und schließlich ihn behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron, der die Dichter lästerte, erzählt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er rezitierte, mit Steinen beworfen, daß er ans Meeresufer flüchten mußte.
Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken Treibjagden veranstaltet auf die Künste, die Verwaltungen haben sie ausgestoßen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die Bestätigung des Reserveoffiziers nur mit Mühe und bei guten Wirtschaftsverhältnissen zu erreichen, die Staatsanwälte witterten Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen nicht für Spielerei mehr, sondern sogar bereits für einen Luxus, den es sich kaufen könne.
Man hatte sie auch früher gekauft, aber man hatte auch alle Vorbedingungen für die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies sich durch ihre Förderung nur seinen eigenen geläuterten Geschmack und vielleicht seine Größe damit.
Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten und glaubten, damit alles zu können. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber nur, wenn beide von der gleichen Substanz sind und für die Bilder Paläste und für die Prediger die Dome und für die Dichter die Weltgefühle der Gesellschaft da sind, die einander wert sind.
Dann ist alles käuflich und dann ist Kauf der einzige Maßstab, denn der Ruhm hißt sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen Dasein hat die Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie untereinander schätzt. Auch ich bin käuflich, sagte Maria Theresia, aber es kostet ein Land.