Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und sich des Zusammenhangs nicht mehr bewußten Kunst die Hände ausstreckte, griff nicht nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung, sondern sie faßte nach unten und kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie bewiesen damit, daß sie die Kunst nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht liebten, was zuviel verlangt wäre, sondern daß sie sie nicht nötig hätten.

In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand, nicht auf das Volk, sondern auf die Verhältnisse, trat die Literatur in die Republik.

Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November machen, und es wäre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In der Republik wächst nun eine neue Gesellschaft, die Übergänge sind zwar abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige Jahrhunderte nach der britischen und ein Jahrhundert nach der französischen Umwälzung, ein breiter Spiegel der Kämpfe zu werden, in denen eine republikanische Volksschicht sich formt. Die Literatur hat der Republik Zuneigung bewiesen und die Republik wäre in der Lage, sich zu revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist es an zwölfter Stunde.

Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in denselben oder in neuen Salons noch den alten Königen gehuldigt, Mirabeau und George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger Jahren für Theater darin geschwärmt, unter dem Bürgerkönig für die Romanze, unter dem zweiten Kaiserreich für die Chansonette, unter der Republik für den Monolog. Gambetta erhielt durch die Herzogin von Beaumont rasch die Formen eines alten Viveurs und in den Salons dieser Form fand sich die Gesellschaft mit ihren neuen Führern und ihren neuen Ideen rasch zusammen. Die Akademie und das Panthéon säumten von jeher als nationale Monumente die Verdienste und den Weg der Kunst, und jedes Gouvernement hat mit Eifer die Pflege des Geistes von dem vorherigen übernommen und die Waffe, die es für die Nation hier führte, zu schätzen gewußt, wenn auch die Simplen manchmal und nicht die Heroen den Kranz zuweilen erhielten.

Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die Republik hätte gut getan, ein deutsches Panthéon zu gründen, in dessen Raum sich der Staat und die Künste unter der Decke einer neuen Gesellschaft und einer breiten Demokratie gefunden hätten.

Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und nicht ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und große Exploiteure, wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben für ihre nächsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie haben diese Gelegenheit vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien zerfleischt, in Doktrinen wie in Wilderernetzen gefangen und haben die Gesellschaft sich selbst überlassen und damit von dem Staat gestoßen und haben die Kunst wieder den Literaten übergeben, die sich weiter damit befehden wie seither. Die Republik hat in der Gestalt des Professor Brunner sogar noch die heilige Inquisition auf die Musen losgelassen, und die Jagd nach den Nuditäten und die Verfolgung der Freiheit und die Haarspaltereien über Sinn und Wesen der Kunst vor den Schöffen der Gerichte, die nichts davon verstehen, hat von neuem begonnen.

Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise über der Verantwortung der Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen, ihre Aufgabe nicht erkannt und sind einem Ton und einer Injurie der gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im wichtigen Augenblick eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch unter dem Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht mehr eine Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie in ihren Bereich gehörten.

Es heißt, daß früher die Marquise von Châlet so sehr von der Schönheit und Würde der Poesie überzeugt war, daß sie sich nur von Dichtern und Gelehrten küssen ließ. Man müßte heute in Deutschland Dichter, um sie vor der seltsamen Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schützen, mit dem Schilde: „Défense d’uriner“ versehen, mit dem die Franzosen die Standbilder ihrer Generäle und ihre Parlamente vor der Gunstbezeigung der erbärmlichsten Meuten bewahren.

Es hat ihnen jederzeit an Führern gefehlt, die die Gegenwart gliederten und die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. Über Literatur schrieb seit Lessing und außer Herder nur noch Heine und den Instinkt besaß lediglich für sie noch Blei. Lessing schrieb kühl, vornehm, deutlich und tödlich, Heine voll bunter Spielerei. Man hat auch damals Kämpfe geführt, Schiller nannte die Schlegel Laffen, Tieck nannte Schiller einen spanischen Seneca und haßte Kleist, weil der seiner Katze eingemachte Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb gegen die Schlegel, die ihn durch ihr Zelebrieren „gemacht“ hatten, einen undankbaren protestantischen Aufsatz. Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit Sentiments zu girren, Racine hat Molière begaunert und Verlaine auf Rimbaud geschossen, Börne hat Heine angegegriffen und Heine hat dem Platen, dessen geschwollenem Hochmut alle Dichter auf der Parnaßreise im Weg waren, unvergeßlich bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und verwüstete sich nicht, die Literatur bekam nicht täglich wie ein Weib „fureurs hysteriques“, sondern sie erkannte mit einer gewissen Grandezza die Könner an.

Es fehlte uns ein Brunetière, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl manche Dummheiten besaßen, aber Pupille und Augenmaß hatten und ihre Literatur wie Chirurgen zerschnitten und nicht vergaßen, sie zusammenzunähen und klarer nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie bei uns behandelten, haben ein seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie hatten keine Maßstäbe, durch die sie die Ideen an den Literaturen und die Jahrhunderte an ihren Künsten heraufbegleiten konnten in die Gegenwart, aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte ihnen noch der dichterische Atem und der Sinn für Sprache. Sie saßen wie die arm- und beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de Rennes und spielten auf einem Leierkasten dem Volk verständliche, aber zwecklose Tiraden über die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen dem Volk viel leichter fiel.