Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied. Der Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine Visitenkarte und lügt nicht. Man muß bei den erbärmlichsten Troubadouren heute schon die Tatsache des Charakters als eine der liebenswürdigsten Überraschungen buchen. Auch ist der Tanz nicht unamüsant, den er mit seinem Judensprung vornimmt, zumal schon Atta Troll den Kindern des Alten Testamentes verbot, auf den Märkten öffentlich zu tanzen, da ihnen der Sinn für die Plastik völlig fehle. Man hätte nicht gedacht, bei aller Liebe zu den Judäern und aller Hochachtung vor der großen vermittelnden Rolle, die sie in unserer Zeit spielen, daß fast die ganze Dichtung eines Tags aus ihnen bestehen würde.
Aber nicht genug damit hat der übereifrige Kompilator und Barde sich noch einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor, der Juden schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglück zustieß, daß er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen Friedländer „Mynona“ für eine schwarze Jüdin ansah und unter Gebrüll verstieß. Die Haltung dieses Beurteilers der Künste ist eindeutig und wie die eines Stiers, der ein Herrenessen nach seinem Geschmack durchwühlt und nichts anderes anrichtet wie ein seltsam tierisches boeuf à la mode.
Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor von der Leyen, Dozent der Kölner Universität, sich der Gegenwart nähert, denn er galt einige Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und versteckt auch jetzt noch die kriegerische und militärpolitische Absicht, mit der er nach alten Schlagwörtern und den Gewohnheiten der ideenlosesten Pfaffen sein Thema aufteilte, geschickt hinter einem männlichen und neugierigen Gegacker, wodurch er das Publikum anlockt. Jedoch, wenn er genug Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den langen Beinen und dem kleinen Kopf des Vogels Strauß und starkem Flügelschlagen auf sein Thema zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf dieses Vogels befinden sich die schönsten Federn, und es mag seine Absicht sein, die Tiere zu täuschen und zu hoffen, daß sie diesen Teil statt dem mageren Schopf für seinen Kopf halten.
Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als daß sie auf die liebenswürdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei auffallenden Ähnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und wo die Federn, wo die Schädel und wo die Steiße, und die guten Kritiker haben nie verfehlt die Köpfe abzuschlagen, um zu beweisen, daß sie hohl sind. Mijnheer, ich habe in dem Buche dieses Professors eine Fälschung gefunden, die vor Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging, indem er eine Stelle aus einem Buch und dem Zusammenhang nahm und sie einem anderen, nämlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es handelt sich darum, daß, um in einer Erzählung des Buches „Frauen“ ein rasches und rühmliches Ende des Krieges zu erreichen, aus dem Umkreis eines Spionagezentrums aller Nationen einige Menschen sich entfernen müssen, um ohne Kontrolle ihre Nachrichten auszutauschen, und daß ein anderer, um die Aufmerksamkeit der internationalen Bande, abzulenken und um ihren Geisteszustand zu charakterisieren, in frivoler Weise über Frauen redet. Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang mit der Erzählung, ich finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne Bemerkung, daß das die Worte eines anderen und nicht die meinen sind, ich finde diese grauenhafte Fälschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als Zeichen meiner vaterländischen und moralischen Überzeugung abgedruckt in dem Buch des Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich mit der Meute zu beschäftigen und für Unbegabung ist niemand verantwortlich zu machen außer vor der Vorsehung.
Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, daß er aus Lust an der Aufgabe, die deutsche Literatur zu säubern, die armseligsten Rosinanten erschlagen und den Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit überliefert habe. Es ist ein Fehler, die kleinen Feinde zu züchtigen, weil man nicht sich, sondern sie allein ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder schwerlich Ergötzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die Bürschchen an einem vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener Kühnheit zu tragen suchen, die sie einem im Gesicht abgelauscht haben und die das Schreiben, mit dem sie uns verpfeffern, bei einem von A bis Z gelernt haben. Die Nützlichkeit der Nachahmer hat bereits Constable erkannt, da, wie er meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er ahnte nicht, daß die Nachahmer in dieser von Wolfshaß zerfleischten Zeit bereits zu den Gegnern übergingen, um scheinbar als Entschuldigung für ihren Diebstahl sich die Überzeugung beizubringen, es sei gar keiner, und was sie gegen einen unternähmen, sei eigene Erfindung.
Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die geraubten Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne Streitäxte geschwungen: „Ce ne sont pas les pots, ce n’est pas la fayence. /// C’est ce qu’on met dedans qui fait la différence,“ schrieb ein Plauderer der „Gazette du bon ton“, nachdem er eine Stunde lang über die Plissées der neusten Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich zu entsetzen und es bleibt unsere schönste Freiheit, über das Miserabelste auch noch zu lachen. Aber ich muß, wenn selbst die Professoren der Genauigkeit in das Lager der politischen Parteiungen hinuntersteigen und nicht nach der Größe der Dichter, sondern nach der Zweckmäßigkeit, sie politisch zu kompromittieren, urteilen, ich muß Mijnheer, an Pernambuco denken.
Ich muß an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in ein Feldlager verwandelte, und mir fällt ein die Geschichte des Redakteurs Petronio, der einen unwahren Artikel gegen die Regierung geschrieben hatte. Ich muß erzählen, mit welcher Grazie und welcher Promptheit man für die Wahrheit eintritt unter den nicht so kultivierten Nationen, und wie der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung bat und wie er ihn empfing, den Revolver in der Hand und ein Glas Wasser auf dem Tisch.
Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach der anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, daß die Tatsachen, die er geschildert, unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen übergab der Gouverneur ihm die Zeitung und ließ sie ihn verspeisen, indem er ihm nicht verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie schieden mit einem Handdruck, man war in kurzer Weise über eine schmerzliche Angelegenheit hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen ein deutliches Schloß gelegt.
Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger genügend skeptisch, um dieses Beispiel für Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe auch, daß ich, wenn die „Chevaliers du lustre“ mit ihren bezahlten Händen von der Galerie ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im Ohr habe, als wenn die Liliputaner giftig flüstern und die Marodeure gegen die Dichter anbrüllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, daß Deutschland dennoch einmal einem Beurteiler, der sein Volk aus Liebe tadelte, der nicht in die Hörner der Vorurteile blies, der von nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit lebte, der mit einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine Geige, sein Zeitalter geschildert hat, daß irgendeinem Mann dieser Art die deutsche Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: „simplicis veritatis amantissimus“.
Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz Blei, von dem man mehr Anekdotisches erzählte als von ihm las. Er hatte unter anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen Deutschland seine Dichter ehrt und die, außer dem Schillerpreis, von privaten Stiftungen herrühren. Diese Summen sind bedeutungslos, aber schlimmer ist: die Preise sind sinnlos, weil nicht, wie in anderen Ländern und wie es sein müßte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick richtete, sondern daß die Nation sich den Teufel um die Preise kehrte, kaum einer der Literaten wußte, wer sie bekam, und das Volk den Sieg Breidensträters in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem Tennismatch oder der Firma Wanderer oder des Hengstes Ordensjäger in Rüsselsheim oder Iffezheim mit tausendfach größerem Interesse verfolgt.