Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben, aber sie hat ihr Ansehen nicht erhöht, und wenn einige von ihnen, wie die Herren Rauscher und Köster, in die Stellungen von Gesandten und Ministern gelangt sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen ehrte, sondern weil die Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb. Die Verteilung der Preise hätte lediglich unter diesen Umständen Sinn, wenn man, wie die Tschechen, Bulgaren, Rumänen sogar tun, Millionen für sie auswürfe und sich das Gold als solches rentiere.
Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn, sondern nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten dahinter steckt und die Öffentlichkeit währenddem aus dem Fenster nach einer anderen Sache schaut. Die Inthronisierung der Gekrönten ist jeweils ohne weitere Aufmerksamkeit vor sich gegangen und es hieße sich selbst langweilen, wolle man die falschen und die rechten Ernennungen untersuchen. Ich glaube, daß Blei sich jeweils mit mehr Sinn für die Kuriositäten als für die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden hat.
Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht sicherer Mann. Die Lessing und Heine wußten mit gewaltigem Instinkt, sei der Gegenstand nüchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu erwittern, sondern sie auch da anzuordnen, wo sie nötig waren und wo sie unsere zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wußten um den Mangel der Gesellschaft und um die Unfähigkeit der Dichter, nach einer nationalen Haltung hin sich durchzuarbeiten und waren immer im Vordergrund bestrebt, die Möglichkeiten der beiden einander zu nähern.
Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewußt, ahnten, wo das Rechte stäke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn des Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im Hirn.
Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum gemacht. Ihm genügte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die gesamte rücksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt hätte, um es klar zu machen. Blei ist ein großer Kenner der Literatur der letzten Jahrhunderte gewesen und ein ausgezeichneter „Riecher“ der zeitgenössischen, aber kein Beurteiler. Er ist einer der größten Talententdecker, einer der gebildetsten Literaten, die Deutschland sah, eine Wünschelrute der Verleger, ein Cagliostro der Begabungen, ein wahrer großer „homme de lettres“, verliebt in Literatur bis zum Exzeß, und es gibt keinen lebenden Schriftsteller von Bedeutung, der ihm nicht Dank schuldet und eine gewisse Verehrung entgegenbringt, und den er nicht da oder dort schon einmal verraten hätte. Blei ist von fast erotischer Empfindsamkeit für Literatur und hat jede Mode, innerlich sicher ehrlich, vorausempfunden und propagiert und jede wieder verlassen.
Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung für die Valeurs, nicht für die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jünglinge meinen und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine ungewöhnliche und hoch überlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus Verliebtheit und nicht aus Verantwortung. Der „homme de lettres“ ist wie der „homme à femmes“ letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf die Linie, auf die Grazie, auf die Nüance, auf den Charme, aber nie auf die Totalität einer Erscheinung. Blei zieht seine Assoziationen von allen Seiten. Katholisches und Rokoko, Satanismus und linksradikal, Sinnliches und Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten Verwerter einer Elastizität, die alles betastet und alles vertieft, aber nichts ergründet.
Er ist ein aristokratisches Stil-Chamäleon. Die Sünde der Epoche hat in ihm einen Sylvester Schäffer gefunden: er schießt und dichtet, spielt auf dem Pferd Violine, läuft Seil, spricht und drischt gleichzeitig guten Stil aus dem Hals, aber alles ist kein Inhalt und kein Ziel und kein Fleisch, sondern nur Gewandtheit und Akrobatik und zirzensischer Geist. Man springt geschickt und mit Esprit. Über was man springt, ist Nebensache. Er ist der sinnfälligste Beweis dafür, wie eine Begabung seines Ausmaßes wirken müßte und wie sie aber verführt wird von einer vielfarbigen Zeit, statt alles auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein Jüngling mit dem Schmetterlingsnetz nachzurennen.
Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des Urteilens hätten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten nicht begreife, und verwirrten zweitens für die Künstler die einfachsten Ideen, weshalb diese sie auch verabscheuten. Er irrte, denn eine große und mit den Hintergründen der Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf den Weg helfen durch die Säuberung und durch den Hinweis. Blei aber hat, als man ihm das Talent gab und die Verantwortung, nicht nach beiden, sondern nur nach der Begabung gegriffen, zwar immer das Rechte gefühlt und oft auch gesagt, aber es mit einer Stimme getan und in einem Zusammenhang geäußert, daß es nicht die Wucht bekam und nicht den Ernst erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben hätte. Es ist geistreich geblieben und Gespiel und damit ohne höhere Fruchtbarkeit. Was ihn entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht freispricht, ist, daß er die Stilisten wie die Käfer sammelte, statt die Begabungen auf ihre Ziele zu hetzen.
Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern für einen Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe im Anspruch auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen Formen kundgibt, ein nicht geringes Mittel zur Stärkung jener Partei der Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen Gesellschaft wünschen.
Ich weiß, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Würde gierig sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein großer Mann und eine schöne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament Heines, der, obwohl ihm Gutzkow vorwarf, daß er nach den höchsten Ehren des französischen Ruhmes lüstern sei, nachdem ihn seine Heimat vertrieben, schrieb: