„Obwohl ich von der Natur und vom Glück mehr als andere Menschen begünstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben weder an Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste befreundet mit den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde, nur zuzugreifen brauchte, um Gold und Ämter zu erlangen, so sterbe ich dennoch ohne Vermögen und Würden. Mein Herz hat es so wollt, denn ich liebte immer die Wahrheit und verabscheute die Lüge.“ Auch dies ist Stolz und klingt mit aller Bitterkeit seiner ruhigen Größe hart ins Ohr der Heimat, die ihn verbannte.

Aber man lebt nicht, um Gesten der Kühnheit zu machen, sondern um die Möglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen, und die Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kämpfen heißt nicht jene Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort sagt: „Je stärker du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mußt du haben, daß er zurückgibt.“ Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu nähern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles andere marschiert, wie Deutschland marschiert.

Es ist nur allmälig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht. Werden wir eine runde Literatur haben, müssen wir vorher zu einer Gesellschaft kommen. Man muß die Gegensätze der Parteien in der Republik versöhnen oder man muß sie austragen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht und nur auf ihrer Befolgung oder Verwerfung wächst eine Gesellschaft und eine Kunst. Es muß eine Zeit kommen, wo man in die Weisheitsschule der jeweiligen Grafen Keyserling seine Automobile schicken wird, weil man so europäisch eingestellt ist, daß man sich selbst nicht mehr an schöngewässerten Reflexionen über die Welt begeistern braucht und wo man die „Indienfahrt“ des Herrn Bonsels in den Regalen der Gartenlauben unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes bürgerliches Kochbuch belächeln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis einer an den Quellen des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen Kraft sein und so sehr erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, daß beide endlich mit Genugtuung einander betrachten werden.

Sie wird nicht mehr sich verkriechen müssen und wird nicht verfolgt werden, sondern sie wird mit dem Lächeln antworten, das die Hetäre Tschandrasêna herrlich von sich schüttelte, als man ihr eine Augensalbe anbot, die sie von den Nachstellungen eines Königs retten, aber in eine Äffin verwandeln sollte. Sie zog es vor, in ihrer keuschen Nacktheit dem Herrscher entgegenzugehen, der mächtig und schön war, und sich so mit ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles ist, wenn es wird, besser als Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets beweiskräftiger als Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rücken einer Gesellschaft vereint wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendären Größe, mit der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische Meer mit Venedig zu vermählen.

Man wird nicht mehr über Pernambuco fahren müssen, um die Entdeckung der sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt getrennt zu machen, sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das Leben bei der Kunst haben und manches andere ähnlich zusammen und es wird ein gewaltiger Spaß sein, zu leben.

Reiß Irmãos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und Europa ein runder Kelch um die Blüte von Deutschland, und der ganze Himmel wird gefärbt sein von ihrer Anmut und überzittert von ihrer Bewegung. Einer der weltmännischen Deutschen, Friedrich der Große, hatte bereits etwas von jener erlesenen Mischung: „Hören Sie,“ sagte er zu seinem Schweizer: „Ich habe den traurigsten Eingriff über mich ergehen lassen, den die Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert, und mein Geist fühlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht für meine Schwester von Bayreuth gemacht, über die Freundschaft.“ Er hatte Natürlichkeit und Grazie und damit Überlegenheit über Leben und Tod, da er Geist dazu besaß. Das Gesicht wird kommen, von dem ich sprach, das auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die Gegenwart versunken ist, und über dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung hebt und wird Deutschland regieren. Das träume ich manchmal, Mijnheer. Gehen wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.

Die sechste Nacht

Mijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer Ehrung zu erzählen, welche die Stadt Lübz in Mecklenburg an der deutschen Dichtung vornahm. Es fällt mir ein, weil ich in dem seenreichen Land einen anmutigen Sommer verbrachte und im Schilf das Boot von Sidney Smith entdeckte, der auf der Entenjagd lag, ein Nomade von borstigen Rothaaren, Fischaugen, die stier und grün unter der langen Nase herausquollen, die Haare „tête carrée“ in die sommersprossige Stirn gekämmt und über den Augenbrauen abgeschnitten. „Hallo, Sir,“ sagte er, „wir werden einen Cocktail machen,“ schob den Priem in die andere Mundseite und unterbrach die Jagd.

Dieser Smith war das amüsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts frug er: „Hallo Sir,“ er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe nicht zu stören, „glauben Sie, daß Afrika einmal in zwei Teile geteilt war durch ein Meer?“ „Warum,“ frug ich und betrachtete einen Punkt, der wie ein Paar Stockenten gegen den Kahn zutrieb, „warum denken Sie das?“ Er zog den Kopf in den Nacken: „Ich dachte Sir.“

Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir mußten unter eine abhängende Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschußflinte und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß man mit Ochsenhäuten, wenn man sie wie Segel aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann?“ Ich sagte ihm: „Was Afrika betrifft, Mr. Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, daß lange Zeit eine Straße durch den Kölner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg durch Afrika gezogen sein! Was aber die Felle angeht, so müssen Sie einen Kanonier oder einen Gerber fragen.“ „Very well,“ sagte er, steckte den Kopf zwischen die Schultern und schwieg.