Nun kamen die Enten und er schoß sie mit Kugeln, trotzdem der Mondschein beim Visieren täuscht, ohne Fehler. Während wir sie auffischten, starrte er plötzlich in die Luft und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß, wenn man mit den Zeigefingern das Hörnerzeichen macht, das den bösen Blick zurückschmeißt?“ Ich war am Rudern und sagte: „Mr. Smith, vergessen Sie die Ente nicht aufzunehmen, an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe nicht, warum Sie Fragen stellen, die keine Beziehung auf das haben, was Sie tun.“ Er sah beleidigt vor sich hin. Ich habe nie einen solchen Wilden gesehn.
Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen, Tiefseeangeln für den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte in der Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn des Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen und in dem fetten Seeland mit seiner Büchse liegen geblieben wie der Sommer selbst, der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht, aus den silbernen Grasstrichen aufzustehen.
Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft für Cocktails aber auch die seltsame Fähigkeit, seine Gefühle damit auszudrücken. Mit der Mischung von dreiviertel Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten der Seekontrolle, welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug einen breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der Zeit richtete er ihn zum Treiber für das Vogelzeug ab, und wenn Smith ein paar Tage verschwand, saß er in Lübz neben dem Kirchturm bei Feuerstake und mischte seine Drinks. „Wollen Sie Cocktails versuchen, Sir?“ sagte er, wenn er von dort zurückkam und mischte als Zeichen seiner Zufriedenheit Zitrone mit amerikanischem Whisky. „Wissen Sie, warum ich keinen schottischen dazu nehme?“, frug er und schnallte die Büchse über die Schulter, und in der Tür stand Feuerstakes Gesicht winkend. „Nein,“ sage ich. „Weil Scotch für einen Jäger kein Whisky ist, Sir.“
Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See „rätsch . . . wack“ und feierten überall nach seltsamen Schwimmkünsten und Verfolgungen unter unerhörtem Geschrei eine wüste Liebesnacht. Man konnte nicht schießen. „Kommen Sie, Sir,“ sagte Sidney und er mischte den seltsamsten Cocktail seines Lebens, der uns sehr heiter machte und der in Smiths Sprache das Erlebnis ausdrückte, das er über der Enten erotische Scherze empfand. Es war ein guter Junge nach meinem Sinn und hatte auf seine Weise Humor.
Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgängen des Lübzer Tagblatts geblättert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann gefunden, das begann: „Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo Rosse stampfen / und die Donnerbüchsen stehn / und sich tote Fäuste krampfen.“ / Smith verstand nicht viel Deutsch, aber das verstand er. Unglückseligerweise hatte er in dem nächsten Band aber einen sechs Jahre späteren ergriffen und fand unter dem Namen des gleichen Autors ein Telegramm an den russischen Sowjetgesandten in Berlin betreffs eines politischen Prozesses in Rußland: „Der Blutwahnsinn des Krieges und seine Nachwehen sollten nun endlich überwunden sein. Ein sieghafter Friede muß der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen, muß dem Gebot — Du sollst nicht töten — wieder die alte Geltung verschaffen. Ich lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Möge sie mit einem Ölzweig, von dem kein Blut tropft, zurückkehren.“
Das verstand er nicht, es war von Schießen nicht mehr die Rede und er hatte nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem ersten Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgängen mitgebracht hatte. „Diesen Leib, den halt’ ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh’ ich nicht durchlöchert bin / kann der Feldzug nicht geraten.“ Smith schickte sich vergnügt an, einen guten Cocktail zu mischen, das begriff er wieder.
Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie könne, damned, der Mann nun solche Telegramme senden, wenn er geschrieben habe, daß, eh’ er ein Sieb sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte ihm, Herr Hauptmann sei ein alter Mann gewesen und habe wohl das eine wie das andere nur in einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint undwahrscheinlich sei eine gespenstische Ausgabe von seiner Körperlichkeit ebenso auf den Schlachtfeldern, die er nicht besucht habe, durchlöchert worden, wie wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die Luft zu fliegen vermöge. Etwas ähnliches meine wohl auch der sozialdemokratische Minister Hänisch, wenn er über ihn in einer bürgerlichen Zeitung nach einigen Fußtritten auf sozialistische Dichter schreibt: „So geht von Hauptmann ein Licht aus, das leuchtend und wärmend durch die Zeiten strahlen wird. Er ist der große repräsentative Dichter unserer deutschen Gegenwart, der die ganze Zerrissenheit unserer Zeit in seinen wissenden und milden Zügen widerspiegelt. Werden wir uns des Glückes bewußt, daß Gerhart Hauptmann in unserer Mitte lebt, freuen wir uns, ihn unser eigen nennen zu dürfen.“ Solchergestalt, meinte ich, sehen sogar ein Proletarier dies Hin und dies Her. „By Jove,“ meinte Sidney Smith und schaute lange verglast vor sich hin, das verstände er nicht.
Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle Leute, die Karriere gemacht hätten, wie die Herren Lloyd George und Clemenceau von links angefangen und habe sich langsam nach rechts entwickelt. Man müsse das alles nicht so ernst nehmen, denn die Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem sich ohne Gefahr für Haut und Geldbeutel am Feuer der großen Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die im Zirkus in Berlin jubelten, wenn in seinen „Webern“ Kapitalistenhäuser demoliert wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschießung zeitgenössischer Revolutionäre forderten. Es handle sich darum, daß die Weber-Revolte eine schon vierzigjährige sei, die man beruhigt lieben könne, aber eine heutige eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs lieben dürfe. Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, daß ein Dichter seinen Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich völlig entfernt habe. Es sei dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner Schulaufgaben lobe aber seine Schießsicherheit dabei übergehe. Wir gingen darauf nach dem See und Smith kam auf die Sache nicht mehr zu reden.
Beim Anschlag sagte er: „Beg your pardon, Sir, glauben Sie, daß man Kentauren noch jagen kann?“ „Nein, Mr.,“ sagte ich, „man kann es nicht.“ Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu Feuerstake. Am dritten kam er zurück: „Wollen Sie Cocktail versuchen, Sir?“
Seltsamerweise erschien plötzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es auf den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband ein Buch Gedichte, die Feuerstake über seinen Heimatsort geschrieben hatte. Der bescheidene Mann hatte kein Wort darüber verloren, obwohl er tagelang mit Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen Verschämtheit es plötzlich hinter ihm her. „All right,“ sagte Smith und legte es bei Seite. Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles andere war ihm einerlei. Feuerstake hörte nie ein Wort über sein Geschenk und, da er nichts sprach, frug er nicht.