Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken fertig zu werden. Ob ich denke, meinte er, daß es ein Land gebe, wo man die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden füttere. „Ja,“ sagte ich, „nichts ist verderblich genug, daß es das nicht geben sollte.“ Die Antwort gefiel ihm nicht, er zog den Kopf tief in die Achseln ein, stieß ihn dann geradeaus und schoß. Der Sommer stand in diesen Wochen mit einem fleckenlosen Goldton über Holstein und manchmal schien es fast, er spiegele das Meer. Je klarer die Luft aber wurde, um so eigensinniger verwandelte sich Sidney Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle eingebundenen Jahrgänge des Lübzer Tageblattes geholt und ich sah ihn oft, so sehr die flachsblonden Töchter des Hauses zum „Weißen Karpfen“ um ihn herumstrichen, in die Schwarten vertieft. „Wollen Sie Cocktails versuchen, Sir?“, frug er regelmäßig, wenn ich ihn ertappte, aber ich kannte seine Stimmungen nach dieser Lektüre und lehnte ab.
Die Enten fingen an zu mausern, die Männchen rückten den Weibchen aus, buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das lenkte ihn ab. „Hallo, Sir,“ unterbrach er die Nachtwache, „denken Sie, daß man mit der Vergiftung der Meere alle Tiere darin töten und durch ihr Faulen den Kontinent verpesten könnte?“ „Nein,“ sagte ich, „Mr. Smith, denn etwas ähnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal erreicht worden,“ und hielt ihn für gerettet, da erschien er am Morgen mit einem Bericht, den der Züricher Vertreter des Lübzer Tageblatt gedrahtet hatte über die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh gedichtet hatte, und wo deutsche Soldaten den gefangenen britischen zugerufen haben sollten „Gott strafe England!“, und er verlangte von mir zu wissen, weshalb man die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen zu beschweren, die für das Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich zeichneten, als er fast erbleichend aufstöhnte. Er hatte in einem anderen Band einige Jahre später einen Abdruck aus dem gleichen Stück gesehen, nur daß hier die deutschen den britischen Soldaten armgebreitet mit den Worten „Freunde! . . . Brüder!“ entgegenliefen. „Dear Sir,“ sagte er fassungslos, „ich war ebenfalls gefangen, aber man hat das eine nicht gerufen und nicht das andere. Aber hat man das hier gleichzeitig gerufen?“ Er sah sich um, als halte er es schier für möglich, daß, seit er sich mit deutscher Lektüre beschäftige, der Mond und die Sonne gleichzeitig nebeneinander über den Himmel spazieren könnten.
„Nein, Mr. Sidney Smith,“ beruhigte ich ihn, „erstens ist das wahrscheinlich eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so genau nehmen wie das Schießen, wo man sehr scharf und grad sich halten muß, und beim Wackeln die Sache vorbeigelingt. Im Leben ist das anders und man sagt oft das eine und gleichzeitig das andere. Das Leben verändert sich selbst täglich, und was heute schwarz ist, kann morgen weiß sein. Manche haben die Farben gleichzeitig, was manche wiederum boshaft preußisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben das bei einer großen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der einer der größten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine Zeichnung zur Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte. Wer kennt der Menschen Herz? Selbst der größte deutsche Dichter Goethe hat sich eines Tages dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Körner gegenüber mokiert, daß der gegen den großen Bonaparte mit dem knitternden Papierzeug seiner Verse anreite und hat, mit der französischen Ehrenlegion geschmückt, als Lützower in Meißen ihn ausrückend um den Waffensegen baten, die Hand auf ihre Hirschfänger gelegt und gesagt: „Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem frischen deutschen Mut gegönnt!“ Ich suchte Smith mit der letzten Möglichkeit, nämlich mit einem klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert ungebildet, daß er auf Klassisches genau so sauer wie auf die Flachsblonden reagierte.
Jedoch er hatte als Jäger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam nach einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende lautete: „Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der mörderischen Nöte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde, wachse in uns — Goethe!“ / Das machte den Burschen völlig konfus. Es gelang mir nicht, ihm klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen könne und warum im Dienst eines verstorbenen Dichters, der sich über den Krieg mokiert habe, man sich Jahre lang totschieße.
„Bei uns, Sir,“ meinte Smith, „sagt man, indeed, daß man im Dienst der Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schieße. Verrückte Idee, für einen toten Mann sich zu töten.“ Rasch drehte ich, indem ich ihm versicherte, daß ich den Herrn nicht kenne und daß das offensichtlich die Privatmeinung eines durch Schrapnellschüsse am Kopf Schwerverletzten sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes Gedicht: „Wenn der Kaiser einst kommen wird / schießen wir zum Krüppel den Wirth / knallen die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze und aufs rote Pack.“ / Er wurde sehr aufgeregt und überstürzte mich mit Bitten. „Nein, Mr. Smith —,“ sagte ich zu ihm, „Pack ist kein Wildbret, das Sie noch nicht kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.“
Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich blätterte weiter. Da rief ein Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied abgedruckt: „Der Turner in den Wäldern haust / und Eichen raufet seine Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft empfiehlt: / schießt ab den Walther Rathenau / die gottverfluchte Judensau.“ / Ich hatte Angst, er könne auch das für Wildbret halten und sagte ihm, diese Gedichte seien nicht wichtig, weil sie schon wieder aus dem Frieden stammten.
Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schüttelte den Kopf, erbleichte plötzlich und sprach darüber nicht mehr. Am nächsten Tag waren die Bücher verschwunden. Nun kamen schon Frühnebel, es wurde Oktober, aber der Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grünland auf, also blieb auch Sidney Smith.
Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in großer Aufregung. Man belauerte einen Baum, auf dem sie saßen, mit einer abscheulichen Gestankwolke eingehüllt und einen gewaltigen Lärm untereinander machend, aber man wollte sie nicht vom Baum schießen, von dem sie dauernd Fische in verdautem und unverdautem Zustand herunterschossen. Wir hatten Nachtpelze um und lagen in der Sternkälte im Gras. Plötzlich flüsterte Smith: „Weile, werde, wachse . . . Sir, ich habe mit Feuerstake gesprochen, er ist, by Jove, mit einem Male gesprächig geworden seit gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake plötzlich, was ihm geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake erzählte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor dem Krieg und seine Stücke verboten und bei dem Krieg, weil er dafür schrieb, ihm Orden gegeben, ihn herangepfiffen und ihn übers Fell gestrichen und er habe geweint vor Freude. Er habe dann während dem ganzen Krieg eine Propaganda gemacht für das Schießen und den Kaiser, und nun sei er aber verheiratet mit der Republik und werde mit dem Präsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich verstehe das nicht. Wir haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim allmächtigen Gott, dem König und Mr. Lloyd George gesagt hat, es sei ein Verbrechen und daß er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht gefallen, Sir, weil ich für den Krieg bin und für das Schießen. Aber, damned, es hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen jetzt hier gelesen habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.“
Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der Vögel derart herum, daß es wie ein nächtlicher Spuk vor der Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung führte einen derartigen Regen von Niederschlägen der Vögel mit sich, daß wir uns rückwärts bewegen mußten. „Weile werde wachse . . . Sir, ich wollte das beim allmächtigen Gott auch noch gesagt haben, Ihre Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike als die im Frieden.“ Ich versuchte ihn wieder auf Hauptmann zu bringen und ihm klar zu machen, daß der Genius des Dichters leichter alle Veränderungen aufnehmen und sich schneller wie festgemauerte Charaktere von Jägern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens gewöhnen könne.
Es käme auf den Zweck an, meinte ich und erzählte ihm die Geschichte des Mönchs, der auf der katholischen Propaganda tausend Herbeigeströmten als Reliquie eine Papageienfeder als die des heiligen Gabriel zeigen wollte, aber, da man sie ihm gestohlen und zum Bluff schwarze Erde hineingelegt hatte, diese sofort als die heiligen Kohlen ausschrie, an denen der St. Lorenz geröstet worden sei. Allein er hörte scheinbar nicht auf mich, legte an und schoß aus der Luft einen Reiher, riß ihm die Bismarckfedern aus, ließ den Braten für seine Vogelkameraden liegen und sagte: „All right. Ist für mich erledigt. Kommen Sie Cocktails versuchen, Sir?“