Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah etwa eine Batterie von vierzig Flaschenköpfen verschiedener Etikettierung. „Splendid,“ sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail wie Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas Grenadine und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte Hotel erledigt. „Let us go, Sir,“ sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien, „der Mann gefällt mir nicht mehr,“ wir legten die Büchsen über und sahen auf dem Wasser in der Purpurröte der Dämmerung eine Reiherschlacht durch das Schilf.
Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander gegenüber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden Parteien zogen sich zurück, formierten sich, krächzten mit aufgerissenen Schnäbeln in höchster Aufregung „koau . . . kräü“, die blutigroten Augen glühten, die Flügel schlugen auf und nieder und mit gesträubten Nackenfedern schossen sie aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man dachte, daß sie sich mit den dolchspitzen Schnäbeln durchbohren würden, gingen sie jammervoll aneinander vorbei und berührten sich kaum mit den Flügeln. Eine gewisse Entfernung voneinander genügte aber, ihre Wut wieder aufs äußerste zu steigern. Klappernd, mit wund geschrienen Rachen, erbost schossen sie aufeinander und spielten sich eine Stunde lang das Theater ihrer Leidenschaft vor. „Hallo!,“ sagte Smith, der etwas unruhig war, „wachse, werde, weile“ und schoß ab.
„Warum,“ sagte ich, „zitieren Sie immer das Kriegsgedicht des Mr., dessen Name mir entfallen ist.“ „Beg your pardon,“ meinte Sidney Smith, „ist die einzige Möglichkeit meinen Priem aus dem Gaumen heraus zu bekommen.“
Wir hatten große Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn zu nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags zuvor geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brüder auf, die sich die Kröpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem Baum hinüberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber nichts, denn er war etwas betrunken.
„Versuchen Sie Cocktails, Sir,“ sagte er zu Hause und machte einen Martini mit Gin und französischem Vermouth, da wurde er sauer und „dry“. Dann machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er süß, und die Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrückt im Garten herumtanzten. „Hallo, was sagen Sie dazu, Sir?“ frug er mit einem halb lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich äußerte nichts, weil ich nicht bestimmt wußte, ob er mit dem „einmal süß und einmal sauer“ gewisse Dichter oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhältiges war in seinem Blick, das mich stutzen machte.
Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf und starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem zahlte. Seine roten Haare sträubten sich aus der Stirn und standen borstig nach oben, der Schweiß rann ihm über die Stirn und er fuchtelte mit der rechten Hand in die Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl zurück und stierte auf das Papier. Ich entsinne mich genau, daß ich nur langsam es ihm wegzuziehen wagte, denn er saß darüber wie ein Hund über einem Schinken, plötzlich riß ich daran und lachte, daß der Tisch schräg ging: Ich sah in das Gesicht von Joachim Feuerstake. Das Rätsel seiner Redseligkeit war gelöst mit seiner Unsterblichkeit.
Die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren, der ihre siebenundzwanzig Hähne, ihren Kirchturm, ihren großen Misthaufen, ihren Bürgermeister und die Kornfelder und ein unbestimmbares Denkmal in dem roten von uns nie geöffneten Büchlein besungen, die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren ihren Notgeldschein von fünfundzwanzig Pfennigen unter dem Motto: „Treu der Heimat“ mit seinem Bild geschmückt. Es schien, als werde Smith tiefsinnig. Er blieb blaß und schweißig, machte wieder Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte den Rotkopf tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier ihn fragte: „Hallo Mr. Smith, denken Sie, daß es ein Land gibt, wo man in der Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Könige den Schädel unterm Arm tragen und die Fürsten auf dem Kopf gehn, wo die Bauern sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse gründen?“
„Yes Sir,“ sagte er, „ich habe das oft gedacht.“
Ich verstand, daß ich ihn so nicht kriegen könnte, denn, da er das Bestehende nicht achtete, außer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein Kinderspielzeug schon unzählige Male herrlich unlogisch neu zusammengesetzt. Ich bemerkte jetzt, daß er zitterte, er hatte einfach Angst. Für ihn war Fischen und Dichten einerlei, er sah keinen Unterschied und hatte einen hysterischen Anfall vor Furcht, wie alle Wilden, er könne eines Tages für seine Jägerei ebenfalls auf einen Schein gedruckt werden und wollte sofort zum Bürgermeister. Diese Ehrung Feuerstakes, dieses Simpels von Ententreiber, überstieg seinen Horizont, es war ihm wie ein Steckbrief oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war entsetzlich abergläubisch wie alle einfachen Menschen.
Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit Dingen zusammenstoßen lassen, deren Konträrheit sein grades Hirn nicht faßte und er bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden schoß und im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, für Tote die Lebendigen gern ermorden zu lassen und wo man die Angestellten auf Papierscheine druckte, die man als Geld ausgab. Ich rüttelte ihn heftig am Arm. „My boy,“ schrie ich mitleidig, „hören Sie, gute Haut“ und ich erreichte, daß sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn er auch mit verstockter Besessenheit schwieg.