Ich suchte ihm an Hand des Lübzer Stadtwesens, an Hand des Bürgermeisters, der Parteien und ihres Sängers die Situation eines modernen Staates und der Gefühle seiner Bewohner klar zu machen und versenkte mich in das Beispiel des Poeten, brachte seine Konflikte, ob er die Misthaufen beschimpfen oder die Kirche loben, ob er dem Bürgermeister opponieren oder alle Parteien belecken, ob er sollte sich fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er wählen sollte zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schändung seines Grabes . . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in dem Augenblick, wo ich zur Unterstreichung meiner Rede den Fünfundzwanzigpfennigschein auf den Tisch hieb, stiegen meinem Gegenüber wieder die Haare, die Grenze seines mitteleuropäischen Fassungsvermögens war erreicht.
Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei, Sidney Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich schräg mit dem Ausdruck abergläubischen Entsetzens an, stieß die Augen nach oben, rollte sie über die Decke und stürzte in den Garten, wo, wie ich vom Fenster sah, die Flachsblonden wie Katzen in den Bäumen jagten.
Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie wieder gesehen.
Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am nächsten Morgen an das Meer, über das der Herbst mit einer Donnerwolke von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich vergaß die sanglante Posse. Ich vergaß jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney Smith mir zu ziehen durch seine schnöde Flucht nicht ermöglicht hatte, und sie steigen nunmehr aus dem Suite-case meiner Erinnerungen, wo ihn aufzumachen und auszupacken heute dieselbe Muße ist wie damals, sie zu erleben und einzumotten. Diese Folgerungen, Mijnheer, sind sehr kurz und ebenso banal wie grob: Die Menschen lieben stets die Feuerstakes, die auch ihren Mist zu besingen bereit sind und hassen die Mirabeaus.
Es macht ihnen nichts, daß beide im Grunde dieselben Monarchisten sind und beide, der eine imbezill und der andere glühend ihr Vaterland lieben und seinen Ruhm wünschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es verwehrt, daß die Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefühle zu schauen vermögen, sondern hat ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen, die ihnen momentan damit gewährleistet oder gestört wird. Sie verwechseln das Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation, halten Geplärr für Vaterlandsliebe und erblicken im Schmeichler den Helfer, im glühenden Tadler den Gegner.
Sie sind für die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die Sitten ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger Verblendung über die wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wäre ihrem Empfinden eine öffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem Schönling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem Spötter Lichtenberg genannt, wäre in Eile eine delabrierte Sache, während selbst in Skihütten der Name des Peter Hebel gefeiert wird, der alemannisch und mit mikrozephaler Poesie biedermeierliche Ideale besang.
„Fremder,“ sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, „die Sitten der Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen jenes für schön, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.“ Dreiundzwanzighundert Jahre später empfahl in der Sprache seines Säkulums der Verfasser der Pasquille „Präservative wider Revolutionen“, zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf in königlichen Gärten rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter Anrufung des Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschießen. Jede Epoche hängt an ihren Sitten und nur Friedrich der Große konnte, da er zur Macht noch Überlegenheit des Geistes besaß, eine Opposition lachend ertragen und mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor Wolff nach Halle zurückrief: wenn jener lehre, seine Soldaten dürften desertieren, so stehe ihm darüber hinaus die Belehrung zu, sie müßten daraufhin hängen.
Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human, sich aus menschlichen Gründen oder im Interesse einer neuen Form, die sie starteten, mit einer gewissen revolutionären Geste zu präsentieren, so waren ihre Beurteiler ebenso einfältig, sie nach den Gesichtspunkten der Parteien, in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde mit der Sache verbandelt, die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg ausgetauscht, und erbärmliche Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein helles Haus der Kunst allein stehen müßte. Da die Dichter gewöhnlich unkritische Feuerköpfe, ihre Kritiker aber gestrandete und unterdrückte Poeten waren, ergab sich, daß im Durchschnitt verärgerte Alte oder verkümmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der schönen Gehässigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten überklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen beliebten. Man hat Büchner und Grabbe und Hölderlin lange unter den Strich gesetzt und das „Junge Deutschland“ in Anmerkungen besudelt, aber die Feuerstakes waren jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel des Ruhmes der deutschen Literaturgeschichten zu fahren.
Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen Fuhrknechten werden die Papierwagen der zeitgenössischen Literaturgeschichten immer noch gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein glänzendes Gespann, so führt er es nicht in die Arena, sondern jagt es als Reklamekasten, wenn auch mit glänzenden Bögen nach der Kongregation des Heiligen George, und hat einer die beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein Bilderbuchwagen wie jener von Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit Maschinengewehren bespickt ist jenes Buch des Kölner Professor von der Leyen, der von der Gemeingefährlichkeit der Kunst wohlanständig so überzeugt ist, daß er zwar mit den Handschuhen des Weltmanns, aber dem Blick des Feldwebels ihr entgegenfährt. Wahrlich, mit femininer Plauscherei und heroischer Haltung ist es hinter den Gewehren des Nationalismus nicht schwer, Heinrich Mann als Schädling und Wedekind als Papiermesser zu höhnen und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten die Dichter den Revolvern seiner nationalistischen Studenten zu empfehlen. Wahrlich, in solchen Machwerken zittert nichts wie der Haß gegen die Republik, aber nicht die geringste Liebe zur Kunst, und die von ihm Gepriesenen werden nachdenken müssen, ob sie nicht damit Kompromittierte sind.
Ich bin nicht gegen solche Bücher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht wäre wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes und ein solcher Charakter ein ungehöriger ist. Ich wäre mit derselben Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe das Gewissen und verehre die Wahrheit und habe die große Schönheit der Kunst zu tief in meinem Leben erfahren, als daß ich sie von irgendeiner Seite schänden ließe. Ich habe die Freiheit des Gesichtspunkts und das Genie, die weiten Linien für die Kunst zu ziehen und die gestaffelten Urteile zu fällen, zu sehr verehren gelernt, als daß ich nicht protestierte, wenn ein ästhetischer Süßling mit einem politischen Morgenstern sich auf das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit zu sein, und nichts anderes ist als ihr Mixer. „Grattez le savant vous trouverez le chauvin.“