„Ich bewundere die Fülle dieser Blumen,“ sagte auf einer Spazierfahrt eine Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte vor Wut kaum nach ihnen hin zu schielen. „Die Veilchen, Gnädigste“ meint er, „sind zu sehr französische Liebhaberei, die Magnolien entsprechen der britischen Kühle, die Rosen ziehe ich vor zu verachten, weil ihr Besitzer republikanischer Anschauung ist.“ Der Gute war überzeugt von Blumen zu reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner Dummheit, auch verschwieg er nicht, daß er Erdäpfel und Eichen wegen ihrer erhöhten Symbolkraft den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine Politik verblendet, übersah, daß die Eichen ein persischer Import sind und selbst die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren ausländischen Duft nicht zu leugnen berechtigt sind.

Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles durcheinanderwarf, wußte die Politik wie eine Seuche von der geliebten Kunst fernzuhalten und er, der Frauen betrog und Männern zu jeder Zeit diplomatisch zu kommen wußte, überwarf sich ihrethalben mit den Mächtigen, beleidigte Voltaire, indem er dessen „Pucelle“ und „Henriade“ stolz den Ariost vorzog und kränkte den großen Friedrich, indem er sich gegen La Mettrie stellte, und war glücklich, Ansehen und Stellung verloren, aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu haben.

Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und Kritiker verleumden, findet man, denken Sie, die höhere Einsicht, von wo aus die Werte sich enthüllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich löst und die Muse bleibt, wo die Larven nicht mehr gelten und die Herzen gewogen werden, und wo die Urteile wie die Blitze und nicht wie politische Raketen die Landschaft der Dichtung erhellen?

Man sucht diese Plattform nicht.

Man nimmt sie ein.

Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, ist immer die Kunst gewesen, die Politik und die Werte zu trennen, statt sie zu verknäueln und sie später aber im Bild jenes Theaters auszugleichen, wo die Zeit mit allen ihren Strömungen und Stilen und Moden auf die Kulissen mit heftigen Farben gemalt ist und wo die Werte in der Gestalt der Schauspieler erscheinen.

Es ist nun amüsant zu sehen, für welche Farben sich die einzelnen Akteure entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich ergibt. Es ist erlaubt, mit Wünschen und Verwünschungen sich an diesem unterirdischen Spiel zu beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht entziehen können, daß hier, wo die Gegenüberstellungen so scharf sind, nicht unsere Wünsche, sondern die Leistungen entscheiden und daß man sich beugen muß vor der grausamen Tatsache, daß unter vielen Helden der Feige vielleicht der Begabte und unter zahlreichen Gläubigen der Verbrecher der Könner und der Rebell das Genie sein kann.

Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit der Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die besten Spieler bleiben und es bleibt uns nur übrig, mit Sympathie unsere Lieblinge ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu sehen und wir dürfen höchstens aus den Kulissen uns die Fehler der eigenen und die Triumphe der anderen erklären oder verzeihen.

Keinem Verständigen würde es einfallen, die Schauspieler aber mit den Kulissen zu verwechseln und statt über das Stück über die Beleuchtung sich zu ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die höhere Geschicklichkeit fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form aufzustellen, haben neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den Leistungen verwechselt und haben ebenso viele, indem sie glaubten über die Akteure zu schreiben, über die Wandbehänge geurteilt. Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer, heißt nicht ein „Chevalier de la bouche“ zu sein und Meinungen zu haben, sondern: die glänzendste Optik neben dem Talent und die beste Fingerfertigkeit neben der Loyalität. Überzeugungen sind ein Unfug, wo es sich darum handelt, zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.

Man kommt so zu ähnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das Vergnügen, nach Lust und Überzeugung die Kulissen so bunt und die Draperien so suggestiv für das Publikum aufzustellen, wie man will. Man macht so mit den Kulissen die Politik und faßt die Leistungen sauber am Kragen und beide, die sich gegenüberstehen wie ein Mann seinem Spiegel, bleiben dennoch reinlich getrennt.