Denn es wäre wohl absurd, Shakespeares dichterische Kraft auf die Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlüssen und aus Kriegen erklären oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn spielte, oder daraus, ob man praßte oder hungerte, Könige liebte oder enthauptete, bestimmen zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen zeigen, daß er das Resultat seiner Zeit war und daß die Friedensschlüsse und die Könige ihn so geformt haben und daß sie gut oder schlecht waren. Absurd aber wäre es, damit ihn klein oder groß machen zu wollen.
Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wünsche malen, kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem einer sozial richtig oder für den Augenblick verbrecherisch schreibt. Aber nach der Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es keinen Eingriff, und wer hier nicht reinen Herzens ist, der ist verworfen.
Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heißt heftig Politik machen — nicht für die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern für die Gesinnungen, die die rechten sind — heißt mit dem einzigen Einfluß, nämlich den geschickt gestellten Draperien sein Publikum erziehen . . . aber so sehr diese Campagne donnert und so bengalisch die Kulissen flammen, weiß man: es ist für die Kunst nicht wichtig, man teilt schließlich dennoch die Zensuren nach der Größe und nicht nach der Verliebtheit und man läßt nicht bekränzte Affen, sondern die großen Wertraubtiere an die Rampe und präsentiert sie richtig.
Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer Marodeur.
Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und abgedämpft, gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt wird, dieser Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nüanzieren und doch Ballen ist die höchste Kunst des kritischen Menschen.
Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel dumm und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die Gladiatoren, die, mit Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um den Bauch gebunden und mit den Turnierzeichen ihres schließlichen Urteils schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine Spur von den besseren Sitten und den höheren Regeln des Handwerks. Aus dem Nein aber das Ja folgern oder aus dem Schein-Positiven das Nichts herausziehen, Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes Land schon im schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur des Kolumbus sondern auch eines Cäsar wert.
Doch, retournons à nos moutons, das soll heißen: man kann verachten, wie Herr Hauptmann Deutschland repräsentiert und dennoch eine Anzahl seiner Stücke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen Toller für einen Gentleman zu halten und einen mittelmäßigen Dichter in ihm zu finden. Es ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der französischen Republik und Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages zu hassen und ihn für einen europäischen Dichter zu halten. Auch darf man Herrn Joachim v. d. Goltz den Respekt vor der Konsequenz seiner vaterländischen Dichterei vor, während und nach dem Krieg nicht verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird niemand zweifeln, daß Deutschland in Herrn von Unruh ein bedeutendes Talent besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die Revolution begrüßte, es schwer verständlich ist, wieso er ein Stück wie „Louis Ferdinand“, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu nationalistischen Demonstrationen reizen mußte, und also durch eine politische Auslegung und nicht durch seine Qualität Erfolg hatte, trotz dieser Demonstrationen und ohne Protest gegen sie wochenlang im „Deutschen Theater“ laufen ließ.
Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und verehrungswürdigsten Menschen, aber ein mittelmäßiger Autor, d’Annunzio aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung. Man hat auf diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung sicher deponiert und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener von der Leyen, der, während er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen demokratischen Stier absticht, plötzlich wie ein Gassenjunge neben einer Kapelle herzulaufen und darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie militärisch ist, wenn tausendmal auch an der Spitze ein miserabler Dirigent diesen Hohenfriedberger spielen läßt.
Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des Vaterländischen hat, daß lediglich Generäle und Kaiser ihm Ideale darstellen, kommt leicht in die schändliche Lage, nicht nur, wie jener Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten Wildenbruchs loben zu müssen, sondern groteskerweise dem A das B folgen zu lassen und die übelsten Hetzer anderer Nationen wegen ihrer ähnlichen Überzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat und gegen das menschliche Gefühl gerichtet sind, preisen zu müssen. Wahrlich, das ist nicht mehr die Pose eines Unerschütterlichen, sondern es ist die Rolle George Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen hat. Er findet keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die Besitzer eines Abends die Belustigung schließen, wird man auch seinem verzweifelten Gebrüll nur glauben, daß man es mit einem Tollwütigen oder einem bemitleidenswerten Irren zu tun hat.
Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das Persönliche aufzublasen, wie es ja bekanntermaßen auch ein Durchgehen nach vorne und eines nach hinten gibt. Wer nach rückwärts durchbrennt, bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach vorn mit klappernden Rippen Galoppierende hat die Lüge selbst noch einmal belogen. Wer die Person angreift und damit dem Werk schaden will, begeht dieselbe amüsante Infamie wie jener seltsame Heilige namens Schütze in Weimar, von dem der Balte Sternberg erzählt, er habe Goethe brennenden Herzens gern angegriffen, es aber aus dem privaten Grunde unterlassen müssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber des jährlichen Taschenkalenders „Für Lieb’ und Freundschaft“ geschadet hätte, plötzlich mit Galle statt mit süßem Speichel zu erscheinen. Der Bund der Tartarins und der Sykophanten ist stets von denselben verächtlichen Göttern gesegnet worden. Aber auch das Panthéon der Komik hat sie beide lächelnd aufgenommen.