Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem später geöffnet, den seine Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die römischen und griechischen von der Leyens sie für religiöse und homosexuelle Verbrecher ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, daß auf Parlamentsbeschluß seine Bücher öffentlich verbrannt wurden, dem Wieland, daß die keuschen Jünglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an dem Feuer seiner graziösen Bücher wärmten, dem Luther, daß man ihn wie einen Bolschewisten jagte? Es hat ihnen das Leben verbittert, aber ihr Werk ging daraus hervor, wie aus einem Feuer der Läuterung. Beurteilt man Zola danach, daß er postulierte, die Republik müsse naturalistisch oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern, daß er wegen Umsturz der Vendômesäule im Gefängnis saß und auch als Exilierter vom Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mußte und daß seine Kollegen vom „Salon“ seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil sein Name nicht mehr eine künstlerische Sache sei, sondern eine der Politik. Die heiligen Perücken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen Hutten und gegen Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als Exzesse der Langeweile.
Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, daß ein Kaiser ihn verbannte, beeinträchtigt es die Staël, daß Bonaparte sie jagte? Und ist es nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ändernd, daß Dickens sich gegen die Sklaverei und Zola für den Dreyfuß aussprach. Verändert es die Bücher des Bulwer, daß er mit sozialistischer Gebärde kam und als Toryminister für die Kolonien kulminierte, hat Goethes Existenz in der Dichtung eine Verwandlung erhalten, daß zwischen seinem Leben und seinem Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man Mozarts Musik vorgeworfen, daß er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd öffnete und Abscheuliches über das Los der Dienenden sagte? Hat das Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Züge dadurch bekommen, daß sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat es jene, die es vermieden, im Urteil der Nachwelt verändert? Chapeau bas! Jeder Leistung kann höchstens nur das Bedauern angehängt werden, daß ihr Vollbringer vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht verändert, wohl aber geehrt werden durch den besten Ruhm der humanen Gesinnung, und daß ihr Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund der Menschen war.
Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil er nur ein großer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der schönste Anwalt der Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen Begabungen der Zeit, deren eine gegen, eine für das Humane ist, entscheidet nur ein Gewaltakt, da man den Zufall ablehnt. Es gibt in diesem Fall eine höhere Moral und sie ist nicht für die Feuerstakes eingerichtet. Schon Kant hat ähnlich „Über die Mißhelligkeit zwischen der Moral und der Politik in Absicht auf den ewigen Frieden“ geschrieben. Hat man die Wahl zwischen einem begabten Schurken und einem dünnen Edling, zieht man das Los für den Schurken. Man muß gerecht sein. Geht die Fragestellung jedoch aus der Kunst heraus in das, was für die Zeitgeschichte nützlich oder verbrecherisch, human oder unsozial ist, so verstößt man unbedenklich den Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern und stellt den begabten Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders kann man nicht. Fiat iustitia, pereat mundus. Und wenn man dabei in die Krümpe geht.
Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand, sich mit seiner Zeit zu beschäftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er verlor den Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen durch einen grotesken Zufall zusammenstieß und nicht vermochte, über die Dichter hinweg sich die Zeit zu erklären.
Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung gefunden, als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bücher ihres Schmerzes oder ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben diesen Platz für ihre Plakate gewählt, weil der Himmel selbst sich nicht herabließ, auf Deutschland selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner fernen Vollkommenheit der unvollendeten Sehnsucht der Gequälten der sichtbarste und seltsamste Ort schien. Nur das Mittelalter hatte seine Bläue eine Weile auf der Erde erblickt, als die Poeten mit ihren Höfen vereinigt durch die Gärten ritten.
Doch schon der Hans Sachs war für und gegen seinen Kaiser, wie es gerade kam, und die Manuel und Rosenblüt waren bürgerliche Kondottieri, Luther war ein sozialer Reaktionär und ein religiöser Rebell in einer Figur. Die Brant und Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs war für Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht für Deutschland, sondern gegen Rom. Klopstock suchte an Stelle der griechischen Nymphen einen teutonischen Wotanskult zu setzen und propagierte zur Ertüchtigung der Jugend den Eislauf, während die Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen fraßen, das Glück der Nation im Frieden mit der katholischen Kirche machen zu können meinten. Goethe und Schiller wußten geschickt ihr Brausen zu dämpfen, während vom „Sturm und Drang“, ohne ihren Frieden mit den herrschenden Sitten zu machen, Büchner ins Ausland floh, Schubart zehn Jahre in die Festung sauste, Klinger aber in der Fremde als General verstarb. Gegen was fochten sie alle? Gegen nichts.
Für ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu zerschmettern, das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Köpfe immer so sehr beschäftigte, daß selbst die praktischsten Männer zu Schwärmern wurden. Sie schwärmten sich in eine Idee hinein, in deren paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wäre wie das glückhafte Schiff der Legende, wenn es Ruder und Maste und Steuerzeug dazu gehabt hätte. Aber es war keine Gesellschaft da, die es hätte leiten, keine Zentrale, die es hätte führen können, es war ein Staat von siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich befehdender Zwerge, ein Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur daß es des Glanzes und der Höhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien eine so ungeheure Einheit machten, daß die vielen kleinen Kreise nur seine Eigenart nüanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren in eine hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen, aber keine Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefühl, das sich darin spiegelte.
So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in Deutschland ausgewachsen, daß selbst die klügsten Männer sich zu den Utopien flüchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt umsegelt hatte, bei Beginn der französischen Revolution das Rheinland daran schmeißen wollte, da er wahrlich an einen großen Staat der Freiheit deshalb glaubte, weil er überhaupt etwas glauben wollte, um nicht zu sterben vor Übelkeit und sich lieber entschloß, das Unmögliche als gar nichts zu glauben.
Die Freiheitsfeuer des Körner und seiner Schar waren wirklich umsonst geschichtet, wenn ihre Folge war, daß der Bundestag von Achzehnhundertfünfunddreißig das „Junge Deutschland“ in Bann tat, das schon damals für die Republik und in der Tat ebenso glühend mit der Feder wie die Schwertsänger mit den Säbeln für die Freiheit kämpfte. In ihnen verdammte man wohl seine besten Söhne und machte damit keineswegs die Lyrik der Arndt und Schenkendorf und Rückert zu besserer Literatur. Armes Deutschland, dessen politische Dichter schließlich nicht einmal die großen Ankündiger der Umschwünge in seiner Gesellschaft waren, sondern nur seine flackernden Ungewißheiten, seinen mangelnden Charakter oder seine unbestimmbaren Sehnsüchte ausdrückten. Und die auf der Flucht vor der Leere um sich das, wofür sie kämpften, mit einer gewissen unklaren Dämonie statt in das Gesicht ihrer Nation in den Sternbogen schrieben.
Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten mit dem Mut der Löwen, so war es doch nur das dumpfe Gefühl für ein unklar empfundenes und ihnen stets verhüllt gebliebenes Standbild der Freiheit, das sie, ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch zu gestalten vermochten.