Ja sie waren so verblendet, daß sie, wenn Deutschland wieder einmal am tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu suchen, sie in ihren Kostümen exhibierten und nach dem Wiener Kongreß genau wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtümeleien und antisemitischen Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine wahrhaft innerliche Kraft zu dem echten Deutschtum kommen könnte. Sie kämpften immer gegen, aber nie für etwas.
Selbst die Romantik, die so glühend und herrlich begonnen, war verurteilt, mit einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das seine Dichter spielten und in dem die Bettina und Rahel die Männer und den Geist der Epoche durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen livrierten, Silberleuchter tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attaché des Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofräte sich weidlich getummelt hatte mit dem schmerzhaften Roß seiner Phantasien, im Rock des Hofrats den Laden schloß und als Vorleser des vierten Friedrich Wilhelm auf das Schloß hinauf eilte, eifrig sein Buch ergriff und seine alten Scherze wiederholte, während der König, blödes Zeug zeichnend, den alten Dichter nach jedem Satze unterbrach, um seinen Hofdamen seine Witze zuzurufen.
Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten Jahrhunderts, die unter den Verhöhnungen der Menge nicht abließen, zur Prüfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Städten zu bewegen. Aber die Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblößten, nur den Spott ihrer Landsleute über diese Verhöhnung der bestehenden Sitten entgegengenommen und weder ihre Tugend gefördert noch die Nation gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verächtlich gemacht.
Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd verhindert war, an der Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch und in seiner Einfachheit ein Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht an, aber die Gesinnung. Er hatte etwas vor uns voraus in dieser unbedingten Fähigkeit, das eine nicht zu sehen und das andere zu empfinden und er vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung außer Acht zu lassen, aber die Geradheit und den Charakter nur zu loben. Er hatte Recht, daß er die Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte sehen wollte. In stürmischen Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und zu achten, statt sich mit undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu müssen, und es gibt Zeiten, die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer falschen Schönheit verlangen.
Der Zauber der französischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie als politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert und es gibt eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation auszudrücken als ihr Gewissen zu sein.
Die ganze Generation Europas während des Krieges hat sich irgendwie für oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen übernationalen und europäischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht worden ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert, und manche Gedichte der Russen hätten in Italien, manche der Franzosen aber in Deutschland geschrieben sein können. Lamartines „La grandeur d’âme est à l’ordre du jour“, schien für eine gewisse Zeit ganz Europa zu erfüllen.
Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die überall den Tyrtäus bliesen, und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, daß es schöner zu leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die Kanonen Europa auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die auf allen Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit friedlichen Gewohnheiten und ohne mörderische Blicke sich begegneten, und die Dichtung Europas erlebte einen Hymnus der Kameradschaftlichkeit.
Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und mancher, der geglaubt hatte, ein großer Dichter zu sein, fand, daß er nur ein Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik Deutschlands in den Sängen Werfels einen der besten Hochschwünge erreicht. Der Schatten des großen amerikanischen Urnings Withman stand über der Epoche, die einen großen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter Däublers weit verwuchertem Versspalier, unter Becher, der die Strophen in einer Verzweiflung ohne Maß zu futuristischen Quadern zerbrach, unter den Brüdern Schnack, Schickele, Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein, Stadler, dem sanften Trakl, der Lasker-Schüler, Georg Heym, Weiß, Zech und Hasenclever spiegelt die Epoche, in der sich der Mensch wie ein Gotiker gegen den Materialwahnsinn des Mordens auflehnt, am klarsten wieder.
Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht hätte, aber eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen Fechter. Der Krieg, den die Kunst kämpfte, war nicht jener der Kruppschen und Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der menschlichen Gesinnungen gegen die Barbarei, denn auch die Griechen waren seinerzeit nur ausgezogen, den Bruch der menschlichen Gesetze zu ahnden. Bleibt auch bei jeder Gesinnungskunst immer ein kleiner Verdacht der mangelnden Größe und entpuppte sich mancher humanitäre Bramarbas oft als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung klopfte und das humanitäre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten Herzgrube wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik Deutschlands beste Leistung im Krieg gesungen worden.
Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefüllt mit der Proklamierung menschlicher Thesen, die man mit dem dafür erfundenen Mittel der Lithographie an die Wände und an die Zeitungen schlug. Die Zeiten haben sich stets auch ihre Techniken geschaffen. Der Holzschnitt gab dem Mittelalter die Treue und die Gläubigkeit und die Überzeugung seiner religiösen Kämpfe. Kupfer und Stahlplatte führten in die artistischen Gärten. Die Lithos schrien nach den Pallisaden, wo sie die Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit waren. Die Daumiers und Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr Jahrhundert attackiert, und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von Politik fast platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der politisierenden Spießer seine politische Mission getan.