Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefaßt und wie haben die Jakobiner die anrückenden Fürsten belächelt und mit welcher Schamlosigkeit, aber welchem Mut hat man die Erotik und die phallischsten Zeichnungen aufgerufen, um Viktor Emanuel und die spanische Isabella und Eugénie und Napoleon unmöglich zu machen! Félicien Rops hat, um die Größe des Königstums zu beweisen, den vierzehnten Ludwig mit einem Riesenphallos gezeichnet, den eine Krone schmückte.

Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolität zog sich die Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt zurück, suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den Blättern von Frans Masereel, der täglich in der Genfer „Feuille“ gegen den Krieg protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und Großmann, und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des George Groß ist eine künstlerische Höhe mit der Tiefe eines gesinnungshaften Glaubens erreicht.

Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen in diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt zwischen achtzehn und dreißig Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen, wie Stendhals Martial, und dem anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und seinem Gewissen die fletschende Gebärde einer Zeit abzuringen, deren Formung so genau mit seinem Glauben übereinstimmt, daß man diese Epoche nur als die Vermischung von Fegefeuer und Seligkeit zu begreifen imstande ist.

Die edelsten Figuren in dieser humanitären Welle haben mit Romain Rolland und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein überragender Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so weit sind, daß sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind Epigonen des Tolstoi, nur daß Barbusse, der den einzigen großen Kriegsroman in seinem „Feuer“ geschrieben hat, der mit der imposanten Haltung seiner Figur jene wundervolle Plejade eines Völkerbundes der besten Geistigen der Welt gründen wollte, seine eigene „Clarté“ zerschlug, indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bückte und in die Politik das hineinführte, was höchstens innerlichstes Bekenntnis sein durfte. Die Duhamels und Chennevières, den tapferen Paul Colin an der Spitze, die Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem Schwert sich entschlossen hat, nachdem er es bekämpfte, zu der milderen Gestalt Rollands hinübergegangen, der die Reinheit der Kunst durch keinen Gewaltgriff besudeln möchte.

Die schönste Stimme aber unter diesen seltsamen Kämpfern gegen den Krieg hat neben René Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an dichterischer Kraft nur noch die jüdische Dichterin Else Lasker- Schüler, an stilistischer Schönheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr Buch „Zarastro“ ist eine Kammermusik sehr erlesener europäischer Gefühle und tadelloser Bekenntnisse und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der Worte. René Schickele hat das Blut und die Klugheit des Hirnes zu einer grandiosen Proklamation an die Überlegenheit der Vernunft und die Heiligkeit des Geistes gewendet, und Leonhard Frank das brutale Gespenst seiner Sätze zur Verteidigung der Menschlichkeit gegen die Dummheit aufgerufen. Die schärfste Sprache hat Sternheim gegen diese Epoche der ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und weder in seiner Gespitztheit noch in Heinrich Manns Würde noch in Franks Verzweiflung oder des Schickele heller Wärme hat der deutschen Prosa der Genius gefehlt, der dieser Überzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht noch den Kranz einer gewissen Vollkommenheit hinzugefügt hätte.

Die Epoche im Umkreis des größten europäischen Krieges hat ein weites Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in edler Form getadelt haben, und von dem möglichen und wahrscheinlichen Adel der Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in dem Konzert von Mohrentrommeln, Dudelsäcken, Mitrailleusen, Schalmeien, Motoren, Feuerbrünsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der Epoche aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der Erlesenheit gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Höhe der Sprache die Kraft eines Gewissens zu legen verstand.

Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen Spaßmacher gefehlt und die Leuchtfeuer des großen Weltdébacles haben sich manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in den Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jünglinge, die sich in Zürich zusammentaten und sich den Namen „Dadaisten“ gaben, haben, um ja nicht irgendwie das bürgerliche Zeitalter zu berühren, sowohl die Sentimentalitäten wie die moralischen Begriffe der seitherigen Welten abgelehnt und sich nur für den Tanzschritt einer absoluten Zerstörung entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen Begriff sich heute die Leidenschaften der Völker am heftigsten schlagen, haben sie keine Stellung genommen und sich begnügt, in seiner Saat an Kokotten und Schiebern ein ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.

Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem literarischen Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das Kriegsaas, als Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft hervorgebracht. Sie haben ihr Programm der Zerstörung, ihre unverständlichen Gedichte, ihre graphischen Stottereien, ihre Abende, an denen Klaviere und Schreibmaschinen und Niggertänze um die Wette klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang, aber der Bluff wandte sich gegen sie und verurteilte sie, als die Lärmmächer eines Zusammenbruchs der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu tanzen, der schon apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich reckte.

Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten Ludwig lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik mitriß, dann bröckelte alles ab und stößt sich von Revolte zu Revolte. Mijnheer, die Welt ist kein Football und geht nicht von Goal zu Goal, sondern von der Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will wieder zueinander, und alle Sänger der Freiheit haben nur die eine Idee, sie wieder zu einigen. Das kommunistische Experiment in Rußland ist in denkwürdiger Größe verloren gegangen. Die britische Insel, die sich sehr früh durch ihre Glaubensrevolte konsolidierte, fühlt sich von inneren Gespenstern bedroht wie nie. Deutschland ist wie allezeit der Nabel der Welt, ihm ist der Bauch völlig aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam wieder einzunähen.

Diese lallenden Jünglinge des „Dada“, die alles zu verachten und alles zu zerstören bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man solle die geistigen Menschen öffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen und die Kirchen als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jünglinge, die noch kühner waren wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die Ställe ihrer Kriegspferde machten, sind nur die ersten Frissons jener Gespenster gewesen, die sich aus einem überpolitisierten Zeitalter als die Hyänen einer unvorstellbaren Anarchie am Weltuntergang auf uns stürzen werden.