Sie sind eine amüsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem hemmungslosen und narzissisch lüsternen Grauen auch die ganze Gegenwart vernichten möchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und Serner begabte Männer sind, die Muse so wenig gewohnt wie in jenen sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue Kunst kommandieren zu können glaubten und vergaßen, daß sich die Ideen wohl glauben und die Herzen wohl erhöhen und die Gefühle wohl steigern, aber niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.
Über ihnen aber sind mit großem Freskostil die Bilder gemalt, die der Däne Pontoppidan vom untergehenden bürgerlichen Zeitalter gemalt hat, mit denen Gorki eine neue Klasse ankündigt, die der Bornholmer Nexö mit einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht und die der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur Eroberung der Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind. Delacroix hat die Freiheit mit der Jakobinermütze noch gezeichnet als schönes Weib mit einer Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blättern den Panamakanal und ein denkwürdiges Monument des arbeitenden Fleißes widergespiegelt. Bei Sinclair und bei Nexö findet sich mit paradiesischer Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch der niedersten Klasse, der sich mit den herrschenden und schwer beschädigten Klassen zu vermischen oder sie zu vernichten bereit ist. Wissen Sie, was das heißt, Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.
Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen, die großen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich leidlich ebensogut nüchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von James Watt der Begriff der Pferdestärke geprägt, die Maschine war erfunden, expreß fast, wie es scheinen möchte, um die Zerstörung der seitherigen Welt zu beschleunigen und zu präzisieren. Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung der Demokratie, und die Burgen der Feudalzeit hingen als schlechte Witze über ihren Geleisen. Man fährt im Flugzeug nach Amerika und in einem Tag nach Moskau, photographiert auf tausende Kilometer, telegraphiert ohne Draht über den Erdball, hat die Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf dieser Welt.
Zu der Staël sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige und nichts dem Blick verweigere, möge sie wenigstens ihr Gesicht verhüllen. Europa hat sich ausgerast und könnte nun beginnen, sich verhüllt auf sich selbst und seine Aufgaben zu besinnen. Die Dichter, die sich gegen es gestellt haben, sind seine besten Berater gewesen und haben seine Idee am wahrsten behütet. Es hat sogar nicht einmal einen einzigen deutschen Poeten der Reaktion gegeben, der von Bedeutung gezeugt hätte und man kann wohl schließen, daß die Reaktion darum eine Gott ungefällige und schlechte ist.
Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Körner auf Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprüche rasch bestellte Kriegslieder von Gerhart Hauptmann würden die Reaktion nicht mit dem Fleisch versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik müßte sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie muß mit ihrer Getreuen sterben. Europa muß eine Weile sein Haupt verhüllen und sich beruhigen und auf sich besinnen. Daß seine Dichter sich gegen ihre Mutter gestellt haben, war diesmal keine Politik und war keine deutsche ziellose Verzweiflung, sondern war sowohl die Besorgnis des Geliebten wie die Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man nicht tun.
Der Entenjäger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, daß in manchen Zeiten die Menschen wichtiger sind als ihre Bücher. Das ist eine Barbarei für den Künstler und eine Roheit für den Kultivierten. Aber auch im Mittelalter sind die Könner manchmal in die Kutte der Prediger gesprungen, Apollo hat wie in des Euripides „Alkestis“ auf einer so menschlichen Flöte geblasen, daß zu den Rinderherden sich die gefleckten Luchse und die feuerfarbene Schar der Löwen im Spiel gesellte.
Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner wird den Könner unwürdig ehren. Aber man lebt nicht für die Kunst, sondern für die Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen Mörderei oder einer neuen Gesellschaft. Man muß sich entsprechend einrichten. Denn man lebt schließlich nicht auf einer begnadeten Zeit, sondern in manchem Sinn in einer, wenn auch geliebten, Hölle.
Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklären heißt nicht Partei nehmen, sondern sich für den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte Zeit, der nachzujammern so dumm wie unbescheiden wäre, hat sich vollendet. Die letzte Großherzogin von Baden war blind und fuhr viele Jahre hindurch durch ihre Hauptstadt im Glauben, daß jedermann sie begrüße. Es wagte niemand ihr zu sagen, daß sich die Zeit verändert habe und sie fuhr auf ihrem schon unwahrscheinlichen Wagen grüßend und nickend durch die Jahre und die Straßen, ohne daß die Bevölkerung sich um sie scherte und ohne daß sie es ahnte. Es hat eine gewisse Größe, wie diese Zeiten sich unbewußt neigten. Zur selben Zeit sandten die französischen Regierungen Deputierte nach Afrika, die Negerstämme zum fleißigen Verkehr der Geschlechter und zahlreichem Kindersegen aufzufordern, um ihre Cadres für kommende Kriege und Revolutionen aufzufüllen mit schwarzen Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und zwischen beiden Bildern schwebt mit einer gewissen unbestimmbaren Schönheit das dritte Bild seiner neuen Konsolidierung.
Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser angezogen ist wie man selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut, hinter dem nichts steckt. Jedes Volk hält sich für das auserlesene und keines hat die Demut, an seine innere Kraft statt an seine sichtbaren und äußerlichen Symbole zu glauben und jedes steht sich damit selber und der Menschheit im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch wenn sie befremdend sind, sondern man läßt die Feuerstakes gewähren und hält die Sitten der Jahrzehnte über die Seele der Nation. Ach, wenn die Nationen sich in Riesen verwandeln würden und wie Antäus ihren Völkern zeigen könnten, daß nur seine wahre Kraft entfalten kann, der wahrhaftig auf seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lügen schaukelt, auf Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der Bequemlichkeit schläft.
Die Riesen würden sich ein Geschlecht züchten, dessen Untergrund wohl etwas von der Naivität hätte, mit der jener Sidney Smith die Welt anschaute hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne Menschlichkeit gerät vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo aber keine Gesellschaft ist, wird auch die Kunst und die Könnerschaft verdorren und es werden vielleicht die Disteln aber nicht die Dichter wachsen.