Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des Mittelalters, wo die Seelenfähigkeit sich nach innen stellte, in die leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers. Achtzehnhundertsechsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit Leuchtgas steigen, fünfundsechzig Jahre später hat man Höhen von über zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um einige tausend Meter unter dem Meer arbeiten zu können.
Die englischen Alpenklubisten überschwemmen die Schweiz. Ein Dutzend Männer hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen, auf die heute Zahnradbahnen führen. Mr. Wimpher gelang es Achtzehnhundertfünfundsechzig unter tödlichem Verlust seiner halben Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin Pascha, Stanley, Baker, Gessi, Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die Pole. Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir den ersten schüchternen Motor her. Fünfzig Jahre später laufen Autostraßen durch die Wüste, Motorboote durch die exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte man noch Latham, wenn er von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als Fabel-Helden in allen europäischen Gazetten. Blériot überspannte sodann mit seinem Äroplan, Heros einer neuen Mythe, den Kanal. Zehn Jahre darauf fährt man im Flugzeug mit zwei Unterbrechungen von Portugal nach Chile. Die Erde ist organisiert, sie hat keine Wunder mehr, statt dem Geheimnisvollen ist das Exakte in das Dasein getreten und statt der Frömmigkeit das Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.
O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragödie stak doch noch Intimität!
In Tegnérs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt, ein Adler in den Rücken geschnitten und das Rückgrat von den Rippen gelöst. Cicero wird in einer Sänfte von Männern nach Bajä getragen. Sechzehnhundert gab man Mäuse zu speisen gegen Zahnschmerzen. Bonapartes Adjutant ward von Wölfen gefressen. Béranger, Balzac und Pückler mußten Stecknadeln in ihre Kerzen stecken, um jedem bei ihrem Gespräch damit die Rededauer einzuteilen. Goethe sandte Wieland für den „Oberon“ nicht eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim schickte einen Korb Kiebitzeier . . . . . .
Mijnheer, zwar besaßen die Ägypter und die Hellenen auch bereits Bahnen und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man mit Zeichensignalen über eine Stafette von zweihundertfünfundzwanzig Kilometern in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch verloren.
Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das wilde Sausen über seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen und uns zu den Schelmen und Sklaven unserer eignen Kühnheit machten. Wir leben in einer wahrlich anderen Welt, und zwischen den stampfenden Maschinen Citroëns wäre eine neue schwäbische Dichterschule genau so scherzhaft wie ein vegetarianischer Wanderprediger auf der Sturmflutmole von Swinemünde.
Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitäten der Menschen dieselben, aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche geschmiedet. Graf Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und vorher Italiens schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der Futuristen sitzend, wäre schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya hätte, als sie, vom Zeitbaum Ygdrasil aus, den Ödur suchend, goldene Tränen vergoß, in keinem anderen Raum als dem der Mythen es vermocht. Die Zeit rollt mit allen ihren Hebeln und Kräften ihre Repräsentanten an die Rampe und es ist nicht die Schuld und nicht das Verdienst ihrer Helden, wenn sie mit dem Weltdonner von Ragnarök in die Götterdämmerung fahren oder im Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert PS die Ewigkeit suchen. Auch die Vehikel der Dichtung sind nur von dem Sturmschritt der Erde mitgerissene Schatten, und die behäbige Karosse Jean Pauls hat sich zu elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen ausgewachsen.
Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Roß am Schwanz aufzuzäumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu reiten. Sich dem entziehen, hat man die Freiheit nicht.
Das hat, für die Schwerhörigen gesagt, nichts mit der Größe der Leistung und dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun, sondern bestimmt nur ihre Musik, erklärt nicht ihr Herz, aber ihr Gesicht, deutet nicht ihre Macht, aber ihre Muskulatur.
Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war der letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs Fülle hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und mit den chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carrà war er in die Luft gespritzt worden und kaputt. Zwischen den Giganten von Maschinen, über den Leichen der Götter und den Donnern der Funksprüche, der Autorennen, im Netz der Bahnen, durch das Sirenentuten der Dampfer, der Flieger, im feurigen Zickzack der Geräusche und Kriege und dämonischer Vehikel mußte ein Geschlecht groß werden, das seine Zeit zum mindesten schilderte, das sie vielleicht verwarf oder ihr unterlag, das aber ihr Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der Schnelligkeit der seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die Zeit, wo die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgültig bestimmten. Das ist ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.