Der militärfrohe Lahmfuß und Baronet Walther Scott sagt in der Einleitung zu seinem schönen Buch „Waverley“, seine Helden würden nicht Eisen auf dem Haupt wie früher und auch nicht an den Absätzen wie zu seiner bürgerlichen Zeit tragen und seine Weiber kämen wohl kaum in Purpur und Talaren wie Lady Alice in alten Balladen und auch nicht halbnackt wie die preziösen Bürgerinnen seines Jahrhunderts, sondern man werde mit Staunen bemerken, daß es sich nicht um Sitten sondern um Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschäftsmann und ein genialer Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche natürlich genau so die Sitten wie die Menschen.
Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die feindlich gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Säbelblitzen die Beschaulichkeit von den Nationen trennten und die Sitten von den Menschen schieden, als die Tempi der Schicksale niederfielen wie die Taktschläge der Motore und in dem unbeschreiblichen Pêle-mêle von stürzenden Gesellschaftsschichten bald kein Untergrund, sondern auch im Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu sehen waren, erst dann geschah es, daß neben den Gerippen der Äroplane und Tauchboote auch die Skelette der Seele sichtbar wurden.
Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der größte Vagabund unter ihren Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von Bett zu Bett geworfen und heimatlos geworden war, nicht mehr mit den Kostümen der Zeit durch die Gärten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr das Kostüm der byzantinischen Königinnen, nicht mehr die Spitzmütze bourbonischer Frauen, nicht mehr den Turban der troubadourgeliebten Falconiere, nicht mehr den Charme der Byronschen Geliebten, nicht mehr die Trauer der den gefallenen Puschkin beklagenden Freundin, nein, sie zog wie ein telegraphischer Aufruf durch die Dämmerung Europas.
Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen Empore von Ständen und Königen stand, sondern sich in Schrecken wälzte, und sie zog sich von den Kostümen auf das Unverlierbare zurück, indem sie den Menschen allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte. Das Bild dieses Zeitgenossen bestimmten große klare Linien: Ballung, Dichte und Tempo.
Nur die Schwachköpfe staunten und wußten keine Erklärung, als die kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles Ausdrucks übersättigten, und daß Archipenkos Menschen dieselbe Allgemeingültigkeit hatten wie die schöne Nofrit des Jahres Zweitausendachthundert der vierten ägyptischen Dynastie vor unserer Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Götter bebte und diejenigen, wo sie völlig ausgezogen scheinen, haben die gleiche Unerbittlichkeit des Zustands ausgeübt.
Und während die einen aus der Überfülle des Reichtums sich die stärksten Sinnbilder schufen, indem sie alles außer dem Einfachsten ausschieden, haben die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus dem Nichts dieselben einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und der Schrei begegnen sich, und die Seele, die aus der Üppigkeit sich zum Einfachen hin unter unendlicher Mühe kristallisiert hatte, fand ihre Schwester, die völlig nackt und ähnlich erlesen von der Seite der besten Armut kam.
Das ist eine Gleichung, deren Schönheit zu bezweifeln, deren Gültigkeit aber nicht anzugreifen ist.
Mijnheer, Sie wissen, daß diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu haben das Werk einiger befähigter Künstler in Europa war und daß man die Schulen, die sich darum schlossen, und alle Mißverständnisse, die die Öffentlichkeit darum bildete, „Expressionismus“ nennt. Es ist so albern wie wahr, daß dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum umschließt und daß wie in allen revolutionären Epochen die ursprünglichen Armeen sich bald in Condottierihaufen teilten.
Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen und sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter Gespenster abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach der parabolischen Form, ob nämlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder Dreiecken sich das Gefüge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der Fakirorden: Kubisten, Pointellisten, Konstruktionisten nannten.
Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufständen, die sich weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb. Sie kamen aus dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen und wurden dort, weil sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und zerhauen wie die Bauernhorden des Thomas Münzer. Sie waren wie alle Jakobiner der Gefahr erlegen, daß sie zu weit von dem Erreichbaren ausgerutscht waren und mit Ausnahme schöner Grenzfälle wie dem des anmutigen Malers Klee und des bedeutenden Picasso in eine Fata Morgana nach links hineingestürzt waren.