Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, daß sie der Glücksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen zu dürfen, verpflichtete, in Erinnerungen der besten Zeit der Nationen glänzende Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstören. Sie hätten sich heftig an das Fleisch der Zeit drängen müssen, statt es zu Schemen zu zersetzen. Denn die glatte und vereinfachte Schönheit der ägyptischen Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer untadligen Zeit, die aus ihrer beispiellosen Fülle sich ein Sinnbild der Dürftigkeit wählen konnte, das ihr jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem ungeheuren Gesellschaftsgefühl maschenhaft gehalten, nur immer glänzender an Reichtum steigen konnte.

Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft hinter sich, war nicht das kühne Symbol der Üppigkeit, sondern das schimmernde der Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe zurückzustürzen, aus der es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit Verantwortung und für die Zukunft, aber nicht für die Eitelkeit und nicht für Quatsch und Theorie.

Es ist wahr, daß diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der Muskulatur kränkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei anzuheben bereit waren, auch diese Richtung sei wie tausend andere nichts gewesen.

Ich habe in der „Doppelköpfigen Nymphe“ von Sternheim bis Heinrich Mann, von Döblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind, Däubler bis Werfel die begabten und schöpferigen Dichter geschildert, die diese Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind unverlierbar, hinter Wenzig, Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky, Kesser, Heinrich Eduard Jakob, Kamnitzer sind die Nachfolger Legion, ihre Werte mag mein Nachfolger in hundert Jahren bei einer hoffentlich für ihn sympathischeren Gelegenheit als einer umstürmten und zugeschneiten Schneekuppe ziehen.

Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frühling sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder um sich haben, wo die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und mit galanten Damen nicht nur unter gewagten Gesprächen die klügsten Sachen sagen, sondern auch mit der Heiterkeit einer gefestigten Zeit zwischendurch in klaren Bächen baden, schön speisen und das Ungemach des Schicksals mit der Harmonie ihres Säkulums und nicht ohne Genuß überwinden. Vielleicht werden sie die Anmut ihrer Flüsse und ihrer Weiber dazu benutzen, Witze über uns zu machen und wenig kühne Beiwörter unseren Namen hinzufügen, aber vielleicht wird die Schönheit und der Friede ihres Frühlings sie zu gerechtem Preisen über unsere Tapferkeit ermuntern. Es kann uns gleich sein, Mijnheer, aber wer sein Leben genießt, wünscht auch den Nachfahren die saftigsten Dinge. Mögen sie leben, es ist auf die Dauer noch nie ein Urteil nicht gefallen, wie es gefällt werden müßte.

Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven der Dummheit und der Böswilligkeit wird man heute wie morgen an den Pilori binden müssen. Man hat nunmehr eine gewisse Größe unter der Hand mit den neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der Tadler (wie die der Lobenden) nur mit Mißtrauen vernommen. Denn die einen suchten gewöhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie ihre Karriere zu machen. Der Bau aber steht.

Man hört nun im fünften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre, nachdem man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die Kläffer. Faute de mieux on couche avec sa femme: Ich muß mich nach den Feinden des in die Manneshöhe gewachsenen Expressionismus umsehn.

Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komödie nicht entziehen und man wird mit Vergnügen sehen, daß die Don Quichotes wieder aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen Windmühlen zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten, aber man wird das Schlachtfeld privater Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit erblicken. Daß der Expressionismus entstand, war eine elementare Notwendigkeit. Die tapfern Barden aber, die nun sein „Ende“ ausschreien, kommen aus einer verdächtigen Gesellschaft und sind nichts als die Nutznießer einer Nervenermüdung des Publikums. Wenn die Leute eine bunte Sache eine Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen, gleichgültig, ob dies ein Bild, ein Meer, eine Frau oder eine Heimat war. Dies Stück Verräterei ist eine der bezauberndsten Kontrollen im Auf und Ab der Zeit und ihrer Werte.

Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefühl. Die Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht übel nehmen. „Ende des Expressionismus“: er gähnt. Er ist bedeutend einfacher und anständiger als die Grübler, die neoklassisch schwärmen. Meine Angorakatze, mein russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid, daß, nachdem die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die Nymphen zu schweben beginnen.

Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an Aufklärung, an Sensation, an Broschüren, an Ausstellungen eines neuen Stils. Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualität macht als durchgängiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen Kritiker Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als aufgeklärt hat, ist es nicht erstaunlich, daß das Publikum genug davon hat. Als Hausenstein einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute übers Seil liefen, das hymnische Vorwort schrieb und Däubler auf den Flügeln des „Neuen Standpunkts“ aufklärend Deutschland durchschnob und der Kritiker der„Frankfurter Zeitung“, Bernhard Diebold, in Kornfelds „Verführung“ noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend verspürte, da war ein eckiger Seiltanz und ein Drama aus lyrischen Grammophonen auch am Kurfürstendamm noch neue Mode. Als aber Lunaparke in diesem Stil entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig übernahmen, Filme ihn aufs Plakat, Revolutionäre auf die Fahne schrieben, Jünglinge sich in Poemen die Zähne daran brachen, Kaffeehäuser seine scheußlichen mißverstandenen Ornamente an die Wände klebten, und selbst ein Eiskünstler in einem Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit Recht.