Sehr amüsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet hatten vor Begeisterung, daß es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als keine Mauer ohne Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu machen war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen Vorläufer und alle in Betracht und Zusammenhang zu bringenden exotischen Kulturen abgegrast waren, gingen sie rasch von dem Enthusiasmus zur Skepsis über.

Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzüglicher Kopf ist, flüchtete vorwärts zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rückwärts in die Arme seines mit Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen Kollegen Meier-Gräfe, ohne allerdings verhindern zu können, daß sein fruchtsaftiger Stil immer abstrakter und dürrer wurde, je mehr er vom Expressionismus abwich, und daß, als er dem Drachen die Lanze ins Maul zu stechen begann, sein Stil und ihr Stiel zu einem fast unerforschlichen dünnen und wahrlich expressionistischen Spinngewebe geworden war. Führwahr, die Bauern haben recht, wenn sie meinen, man vermöge die Natur selbst in den gröbsten Dingen nicht mit Heugabeln auszutreiben, sie kehre vielmehr auch dann zurück. Aber in den raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar gegen diejenigen, welche gegen sie arbeiten, mit einem unverkennbaren Hohn zu wenden.

Die anderen Anreißer aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu folgen und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu vertauschen. Sie hatten nicht, die Courage, auch während der Ermüdungsbaisse bei der Sache zu bleiben, was ja jederzeit möglich ist, auch wenn man die Träger der Sache verschieden beurteilt und wenn man die Gefahren klar übersieht, sondern sie machten sich nach neuen Entdeckungen aus und blamierten sich bis über die Ohren.

Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhänge zwischen Nation und Kunst und dachten nicht daran, daß die Zeit Heroen oder Bastarde auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich erfüllt oder vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt der Schöpfung und man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trüffeln suche. Ach, die Suche nach diesen zarten Gewächsen ist jeweils eine besondere Begabung der gerüsselten Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten mißlangen, so waren die Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in die Kategorie der Riecher mit Fälsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er Heilige fangen will, Heilige an den Angelhaken tut, war es ihren bestürzten Gesichtern gern zu verzeihen, daß, als sie Giganten zu fangen wähnten, die die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfüllen sollten, sie nur gerupfte Spatzen apportierten.

Sie trafen sich mit den Rutenträgern einer anderen menschlich würdigen Genossenschaft. Die jungen und älteren Leute, die bei der vergangenen zehnjährigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst die von allem anderen abziehende Möglichkeit des Krieges nicht auf sich zu lenken in der Lage waren, die von allen guten jüdischen Familien verlassenen Leute glaubten fälschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun gekommen.

Die sogenannten „Stillen im Lande“, denen ihre Unfähigkeit so schonend etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht. Einäugige der Kunst, sogar Lepröse, aber auch talargeschmückte Mumien nahten aus ihren Särgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die politischen Reaktionäre, die an ihre taprigen Methoden und nicht an ihre Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt sie nicht mit einem ausgestopften Eichendorff, aber auch sicher nicht mit Paul Ernst in Brille, Trikot und Löwenfell, den Zweihänder in der zittrigen Hand. Was nicht bewegt war, wird nicht ruhig werden. Die verblaßten Statuen von vor dem Sturm werden trotz ihrer klassischen Nasen in die Büsche geworfen, denn auch im Konservativen hat die Natur soviel feuriges Schöpfertum, um einem klaren und alten Inhalt neue Formen aufzuziehen.

Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn „Wachse, werde, weile“ balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch an der Spitze (o glücklicher Entenjäger Smith!) in einen harmlosen Sonntag hineinliefen. Alle Unproduktiven, die zeitig zur Kritik übergelaufen waren und, um die Mode nicht zu verfehlen, als Zwinglis und Dietrichs der neuen Sache gestritten, entdeckten plötzlich den Neid auf ihre erfolgreichen Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen, wo der Pendel der Zeit die zwölfte Stunde zu schlagen schien. Man kann, wie ein gewisser Sinzheimer in München, miserable Romane geschrieben und mit unfähigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber man wird in Deutschland erst dann die schöne Masse Ressentiments gesammelt haben, um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von „Format“ vorstellen zu können.

Diese Armen fühlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, daß sie sehr arm sind und daß sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine Hundehütte zurückzogen. Man kann die Menschen nicht ändern; es sei verstattet, daß sie einem leid tun. Man wird mit fünfzig Jahren ein Album der Zeitgenossen anlegen, die „verehrter Meister“ einem schrieben und, wenn man sie nicht genügend (oder zu sehr) beachtete, mit Gummiknütteln bei schicklicher Gelegenheit einem in den Rücken fielen — und nicht veröffentlichen. Es wird nichts mehr von ihnen da sein. Was die Gerüchte und das Geraun und den Betriebskurs macht, sind immer die Schmuser. In der Historie wird das weicher Leim.

Gestärkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengräber, deren schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubärtig zu sein. Durch sie kam die gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so groß ward, daß sie für jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die „es schon immer gesagt hatten“, die ohne Prüfung, Befähigung und Vermögen, weil sie ihnen nicht paßte, die ganze Richtung abgelehnt, zehn Jahre lang gegen Noldes Negerköpfe gezetert hatten und nun recht behielten, als die Panegyriker der neuen Bewegung plötzlich mit Pharisäerblicken ihnen in die Arme sanken. Denn schließlich ist Kunst heute für die Tausende, die nicht schaffend um sie schmarotzen, ein Witz oder ein Geschäft, nicht mehr. Ein Schachspiel, mit dessen Figuren man sich mit elegant angespannten Nerven beschäftigt, bis es gongt, um sich zu Musik, Lunch oder Frauen zu begeben. Dann streicht man mit breitem Arm die vollendeten Figuren vom Tisch herab.

Man hat mich stets für einen Experten des Stils als solchen gehalten, aber ich habe, als die „erstklassischen Schreiber“, die nie den Blick über den Horizont behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung wälzten, mich gegen den Stil und für den persönlichen Ausdruck erklärt und mir, als ich ganz an den Anfängen (und wahrlich unbefangen an Kunst herankommend) die lächerliche und impotent machende Gefahr der Typisierung aufdeckte, die Meute von links zu der von rechts zugezogen.