Als aber Herr Stahl vom „Tageblatt“ vor einem Jahr las, daß ich dasselbe wie vor Jahren äußerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu müssen. Der bärtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da ich auf nichts derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur meinen Standpunkt energischer, indem ich ihn von dem der Kindsköpfe schied. Man klärt eine Sache besser, indem man sie gutwillig trennt, als indem man sie böswillig und fälschend und voll Unfehlbarkeit von außen her verwirrt.
Dies ist ein Zipfel gelüftet hinter dem, was „Ende des Expressionismus“ schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.
Doch man vergaß die kleinhirnigen Würger, die, seit die Deutschen sich nach ihrer ersten Revolte zur Politik befähigt hielten, mit der Kriegsflagge unterm Arm und in festgeknöpftem Gehrock in die Kunst eindrangen. Die Politik ward selten mit solchem Eifer der Amateure und gleicher Unbegabtheit ihrer Hyänen über die Grenzen ihres Territoriums getragen. Man wird ihnen die Ehre antun, die diesen Geschöpfen gebührt, und an ihnen vorübergehen. Die Ehre, mit der sie prunken, wird ihnen sauer im Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler Zahn ihnen herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die eines Gentleman, die wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch über die Pflichten in dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen weibisch und roh die rechte Haltung besitzt, schamhaft und kühn ist und in dessen Geschlecht es Sitte ist, daß Vater und Sohn zwar nicht miteinander baden, aber miteinander zu sterben wissen.
An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu schildern. Es ist eine amüsante und durchaus menschliche Brüderschaft, die anrückt. Schon die Vorposten sind verdächtig laut, aber erst der Anblick der Generäle macht die Angelegenheit hübsch suspekt. So sind alle Kriege geführt worden: damit mag man sich trösten.
Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbühne, und es wird gehörig gemogelt. Die ganze „Krise der Kunst“ ist: die Sache ist langweilig geworden. Auch der Weltkrieg, der doch Bezwingenderes an Sensation zu bitten hatte, zog am Ende nicht mehr. Man kann es den Leuten nicht verübeln. Es gibt, auf die Dauer, heute nach einem unerhörten Krieg unterhaltsamere Sachen als die Kunst und Rebusse, was ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen und Autos wieder und Dollarhaussen und mit dem Flugzeug über die sturmdonnernde Ostsee, man hat im März Meran, im Herbst ist Iffezheim wieder im Start, und es ist nicht weit vom Gardasee. Die Länder schnaufen vor Arbeitsamkeit, und Speisen in vollendeter Fülle werden angefahren. Die Erde wird wieder voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine Viertelstunde die Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr oder ein Verbrecher!
Hat dies ganze Getriebe überhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen für Shaw und wäre ein Braten gewesen für Swift. Mit Kunst? Nicht die Spur.
Als die Überraschungserbsen nicht mehr knallten, war das „Junge Deutschland“, war die französische Romantik, war der Impressionismus rasch „tot“. Man hatte das Frühstück verdaut und wandte sich dem Diner zu. Die Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil sie genug davon hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil zehn Jahre erbittert bekämpft hatten, waren alle einmal in der grotesken Situation, ihn nicht mehr bekämpfen zu müssen, „da er sich überlebt habe“. Sie gingen von der Wut zum Mitleid, ohne Übergang, wie alle Heuchler.
Die Stimmungen lösen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist alles. Wer wagt, zu sagen, daß die Generationen vor uns besser waren als wir? Die Zeit ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und beklopft. Daß ein Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so dumm wie falsch, weil es die einzelnen Kräfte mit einem Typ erschlagen will. Daß ein ins Absurde getriebenes Ornament scheußlich, eine gewisse Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der Statuen erbärmlich ist, beweist nicht, daß ein Romanwerk gewaltig, ein Torso erschütternd, ein Gemälde voll schönem Liebreiz in späteren Generationen empfunden wird.
Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf Ingres’ Bilder rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie, von seiner Süße gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh Briefen sich verzückten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode (im Lob und im Verwerfen) gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von dem Vielerörterten mehr da. Man kann das Album der Vielzuvielen, der Schmöcke, der Feiglinge, der auf Hecht kachierten Schleie im Literaturgewässer nach fünfzig Jahren nicht mehr veröffentlichen. Die gute Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade fällt von selbst; sie war nie wichtig.
Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet, daß der Impressionismus ihrer Zeit mit Klöppel und Stickrahmen und mit Schraffiertechnik im Gähnen versank? Hat nicht der spitzbäuchige Victor Hugo hinter Goethe als größter Dichter seines Jahrhunderts geglänzt, trotzdem ganz Frankreich über die romantizistischen Späße bald lachte und selbst Musset nach ein paar Jahren schon als ironischer Lächler ins andere Lager ging? Hat Manet, der wahrlich ein Programm formulierte, hat Zola, der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring führte, darunter gelitten, daß eine Schule um sie war, die Bankerott machte vor der Sensationslust der Masse wie jede gute Sache? Hat Matisse Schaden gelitten, daß man seine Techniken verhöhnte? Flaubert sprach man die Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Büchner und Grabbe warfen sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.