Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als „überlebt“, keine gemeinere Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von Botticellis Schule tropfte es gähnende Bitternis. Der menschlichen Natur entzieht sich gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da die Menschen blind sind, glauben sie den äußeren Anzeichen, daß die Haupttiere dieser Bewegung nach Art der Echinodermen wie die See-Igel durch Kalkabsonderung sich nach außen versteinten.
Wie leben aber, selbst den Einäugigen zum Trotz, noch die Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon vor der expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen, siebenmal verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!
Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, daß er seinerzeit ein sehr öliges Programm von misanthroper Schnauzbärtigkeit vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mühe, sich zu besinnen, daß auch das einmal eine wüste Schule war.
Die Persönlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit der Kraft der ewig steigenden Fontänen, aber die Bewegungen der Kunst sind deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren die Kräfte und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie greifen an und erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.
Seit die Romantik den letzten wehmütigen Gruß nach dem Mittelalter sandte und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen anfuhren, haben zwei Schulen sich um diesen Übergang gruppiert: Den Ruhm, während die Elektrizitäten den Erdball einkreisten und umtobten, mit einem wundervollen Glanz die alten Überlieferungen restlos aufgelöst zu haben, hat Renoir und seine impressionistische Schule mit unsterblicher Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um den heiligen Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich um die neu heraufkommende Zeit nicht gekümmert zu haben.
Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als dritte Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach modern, moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und während sie den letzten Gipfel schon schmähen, haben sie die Zusammenhänge schon vergessen und grüßen die ersten wieder als gute Bekannte. Sie begrüßen immer wieder aus der durch George aus dem Frankreich Baudelaires, Mallarmés und Hérédias eingeführten symbolistischen Schule Herrn Hofmannsthals opalisierende Prosa, Herrn Stucken, der Mexikos Untergang in Gobelinmustern bannte, Herrn Gundolf, der als Geschichtsschreiber des Schreibtums unter Anrufung des heiligen Namens seines Meisters auf dem eitlen Periodenbau seiner Sätze seiltanzt, den Baron Taube mit dem wehmütigen Lächeln über den Untergang seiner aristokratischen Rassegefühle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an Haltung in seinen Geschichten und Nachschilderungen gab.
Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des Zerstücklers Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und Slevogt, den Bang und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das keine Gesellschaft und daher keine „public characters“ besitzt, ist der Ruhm des aus der greulichen deutschen Naturalistenzunft kommenden Hauptmann sogar größer als irgendeines anderen modernen Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berühmtheiten Liebermann bekannter als Kokoschka, ist Georg Kaiser minder einflußreich als irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist Kellermann berühmter als Döblin, hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie Schickele und ist Sudermann viel zelebrer als Sternheim.
Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als hätten die Schulen sich vermischt, aber das ist eine leidige Täuschung, man lebt nur nebeneinander und nicht sukzessiv. Selbst für die Kritiker in hundert Jahren wird es nicht ohne Mühe sein, anerkennen zu sollen, daß in dreißig Jahren drei große Schulen hintereinander tobten. Sie werden die personellen Preise wohl nach ihren Fähigkeiten zu urteilen und ihren Liebhabereien austeilen, aber sie werden in der Betrachtung der Schulen einiges nicht übersehen können.
Sie werden nicht vermeiden können, mit leichten Witzen zu konstatieren, wie die Älteren sich von den Neuen befruchteten, wie die Überlebenden der früheren Schulen an den Kelchen der neuen Jünger nicht vorübergingen, und wie der Schwung manches „Bardala“ nicht aus dem Mund geflogen wäre, hätte der Barde nicht aufmerksam auf die „Internationale“ gelauscht. Sie werden dickbäuchige Schelme erwischen, die mit Jakobinermützen ausgingen, ihr symbolistisches und etwas ranzig gewordenes Erkennungswort „erlaucht“ mit dem Worte „rasend“ umzutauschen. Sie werden über manchen Wicht sich die Kränke lachen, der sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische Lager geschlichen war und nicht bemerkte, daß er keine Fahne, sondern nur eine Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.
Sie werden junge Helden und ergraute Männer beobachten, wie sie mit ihren schönen weichen Waden von Wassermann bis zu den Bauernromanschreibern in das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten und, neu beflügelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bücher hineinschießen ließen. Sie machten es mit demselben ehrgeizigen Trick wie die Chinesen, die Europas Erfindungen in ihren Lehrbüchern für China einige Jahrhunderte vordatieren, und erscheinen nach der Verjüngungskur wie seit Ewigkeit überexpressionistisch gesettled: „Haben wir auch schon gekonnt.“ Diese Diebe!