Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen haben, werden jedoch nicht vergessen zu sagen, daß die Impressionisten im wesentlichen teils schön wie Renoir, teils tollwütig wie van Gogh den achtzehnhundertfünfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und daß die Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen in ihren „symbolistischen Armen“ erschienen, schmollend wie Kinder im Herzen, aber mit allen schlechten Parfüms einer greulichen Würde gesalbt, erklärten: diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie nicht wichtig, unter allen Umständen aber verwerflich.

Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann abschließend bemerken, daß die expressionistische Schule weiß Gott zum ersten Male wieder ihr verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt entschlossen, mit eiserner Konsequenz gespiegelt hat.

Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie lobt, um andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht wohlgefällig. Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist mühselig und undankbar, aber eine prächtige Aufgabe. Drittens, indem man sie aus ihrem engen Gesichtskreis hinaushebt und, statt in ihrem nationalen Hader ersaufen, an der Brust der Welt zusammen mit den anderen Völkern trinken läßt. Das ist ein utopischer, aber der einzig praktische Gesichtspunkt. Man wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich so die Rippen aufgerissen hat, daß erst der Sterbenden die Vision davon klar wird.

Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die Shakespeare vorwarfen, daß seine Römer mit Hüten gingen, seine Schiffe in Böhmen strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den Aristoteles zitierten. Sie sahen auf die Lächerlichkeiten und bemerkten nicht den Bau des Leibes und die Schönheit ihrer Glieder und übersahen, daß sie, wie Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenäht barg, den Genius für die Welt in sich trage. In wessen Muskelsträhne aber glüht das noch verborgene Herz, um heimlich zu reifen, und mit der Führerschaft eines Gottes den Völkern einen Weg zu weisen, der sie aus ihren Trivialitäten in ein helleres Freiheitsleben führe?

Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die Richtung einer ganzen Generation angegeben, während die Georgianer in ihren Höhlen mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zählten. Sie haben sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen nun einmal schon nicht beschieden war, ihre Nation in die Höhe zu führen. Sie haben daher ihre Epoche mit allen Furiosos geballt und sich ihr wieder entgegengestellt, indem sie die Sehnsucht nach der Größe und nach Europa mit hineinnahmen. Bliebe nichts, wäre das allein ein nicht entreißbarer Gewinn. Denn ohne Hingabe und ohne Ziel wird nichts. Zu Möllenbeck an der Elbe nur steht eine Holzfigur, die anzeigt, daß eine Frau ihrem gräflichen Gatten in seiner Abwesenheit neun Kinder geboren.

O deutsche Tartüfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen und die den blauäugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche Schwermut, die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu früh verurteilt und die ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr Gesicht mit Größe gerne schmücken möchte. O deutsches Schicksal, das glaubt, auch geknebelt und geschunden noch die anderen Völker besiegen zu müssen, statt als Vorbild neuer Tugend ihnen hilfreich entgegenzukommen, auch wenn die anderen vor Mißtrauen heulen. Europa wird durch gegenseitige Zuneigung sein oder es wird nicht sein.

Der Rittmeister de Boussanelle erzählt in seinen „Observations militaires“ von seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjährigen Krieg die anderen Pferde das Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur Hälfte die Gebisse verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie sind eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt sich die Schädel einzuschlagen, und sie sind taub wie alte Türken, wenn sie aus dem Furor ihrer neuesten Schule nicht die Marseillaise einer großen Sehnsucht hören, die ihnen den Weg weist.

Dieser Marsch ist kein blaßsüchtiges Friedensgewinsel und nicht auf der schlechten Assiette der verschrobenen Träumer geblasen, sondern ist der hellste Claironklang nach allgemeiner Übereinkunft, eine Kriegsmusik der Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent eine Freiheitsgöttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.

Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?

Eine Generation. Und dann? Das Ende.