Sterben?
Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden, günstig zu präsentieren, sondern im Zeichen jener Jünglinge Kleobis und Biton, denen ihre Mutter von Here das größte Glück erbat, und welche die Göttin darauf, weil sie demütig und kühn ihr menschliches Werk vollbracht hatten, als größte Ehrung neben dem Genius mit der gelöschten Fackel in die bessere Heimat rief.
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den Begriff der Pferdestärken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit den Maschinen die Welt umgepflügt. Fünfundzwanzighundert Jahre vor dem größten Krieg Europas hat die Geschichte dieser beiden Jünglinge Solon dem lydischen Krösus erzählt. Aber die Menschen haben noch nicht gelernt, zur Zeit und mit der richtigen Haltung zu sterben, geschweige denn zu leben. Sie umtanzen Europa im Kriegskleid mit Skalps und Kampfgeschrei wie die Indianer ihre am Marterpfahl aufgehängten Opfer und lieben in ihr die Beute statt die Göttin.
Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen wilde Verbeugungen und die Pelikane kreischen lärmend und wackelnd auf einem Bein im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit ist immer die Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen damit trösten, daß sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von teuflischer Komik sein kann. Man kann sich damit trösten, wenn man genug Humor hat.
Die achte Nacht
Die achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich hochgebracht, es wird eine kurze Nacht sein. Das Zastler Loch leuchtet silbern mit seinen Lawinen. Das Herzogenhorn biegt sich wie ein Skalpell in die metallne Nachtluft. Der Mond hat den ganzen weiten Kessel nach der Grafenmatte voll Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich Wolken immer dichter über die Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmböen sind zerbrochen. Man wird die Sonne bald steigen sehen über den Krähenscharen. Der Schnee kommt morgen zum Stehen. Das Tief fließt nach Süden und überschwemmt den Po, überflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu uns von Norden voll Fahrt mit blau gebogenem Segel.
Die Wächte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der Atmosphäre. Das Filigran der plötzlich entschleierten Buchen, die Palmwedel der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den Telegraphenstangen nach, die mit weißen Feuerkränzen umspielt nach der Ebene laufen. Schon wittern die Tiere, daß in der Luft etwas zerbrach, die Pferde stampfen unruhig mit glänzendem Fell, haferprall und nervös vor Kraft, die Kühe brüllen die ganze Nacht, obwohl die Ställe noch unter den Riesenflügeln der Schneewehen schlafen. Der Schneepflug wird durch den Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen, bis der Frühling sich ihnen entgegenbäumt.
Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte seine Lektion der Schöpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch seine Hand. Da sie seine Idee trug, war gesorgt, daß sie in jeder Spule neu blieb. Was tot hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich halten konnte, blieb am Leben, es war für Langeweile kein Platz. Die Tiere schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben mit der Eiszeit, wuchsen heroisch in das tropische Zeitalter, bequemten sich in die kleinliche Mittagszeit der Erde, und veränderten nicht ihre Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.
Träumte ein Tiger, war es von Antilopen, träumte ein Schwein, war es von Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig gebracht, einen erhabenen Traum zu träumen, denn sie träumen von Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen verstorben ist. Sie träumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer Zeittiere von barocken Jagdrevieren und mörderisch schönen mittelalterlichen Bissen, sie träumen nicht den Traum, den alle guten deutschen Raubtiere immer träumten, die Haustiere der deutschen Literatur schlingen den „Grünen Heinrich“ immer wieder durch die Zähne und halten es für verdienstvoll, daß sie einen besonders deutschen Traum damit träumen.
Sie sind hochmütig wie alle ungefährdeten Geschöpfe, weil sie einen besonders deutschen Traum zwischen den Zähnen haben, und halten sich für überlegene Geschöpfe, weil an ihren großen Stall die Raubtiere nicht herankönnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von ihrer Tiefe und Mission so heftig überzeugt, daß sie nicht merken, wie sie den oftmals wiedergekäuten Klee fast schon wie Häcksel kauen. Sie ehren lediglich von früh bis spät ihren Meister, sie haben ihn überall bei sich, auf der Zunge, im Magen, im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn so grenzenlos wie die Japaner ihre Toten.