Aber sie wissen nicht, daß sie einen Gestorbenen anbeten, einen erledigten Traum träumen und einen verdorbenen Klee wiederkäuen. Ach, es gibt keinen abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen und versauerten Idealen.
Ach, nun wurde gemuht und gebrüllt und getrampelt und mit dem friedlichen und sanften Samstag-Abendglockengeläute eine Diktatur nicht der Macht, wohl aber ein Terror der Gefühle erregt, der bald alle Hausbesitzer mit ergriff, die sich nicht bedroht fühlten durch diesen Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem Sinn und mit bürgerlicher Empörung entstand. Die Hausbesitzer fürchteten nicht diese Tyrtäen des Gemuhes und zitterten mit vor Vergnügen, wenn die Tiere, die Gefühlstiefen ihres Meisters wiederkäuend, grollend gegen alle neuen Melodien knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nämlich der Haustiere, das bestimmte, der deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein, habe langsam und voll Gemüt sich zu entfalten, bedürfe der Schnelligkeit nicht als einer Erfindung des Teufels und kreise am besten um die guten Bürgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.
Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nächtliche Wiederkäuen vor Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen träumten draußen und der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser sein als Ricarda Huch, wie konnte ein gewisser — Schickele? — wagen, mit Berufung auf Gottfried von Straßburg zu zeigen, ein deutscher Roman sei kühn und schlank. Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim, bemühte sich, die Ideale der Ställe durch seinen rassenfremden Kakao zu ziehen. Die würtembergischen Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem Grünen Heinrich und die bayrischen, an ihren besonders robusten Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-weiß gefleckt waren, bekamen rote Adern in die großen Opalaugen, da sich eine festere Opposition für ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wußten nicht, daß die gesellschaftlichen Revolutionäre, die sie in den Expressionisten witterten, gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwürgung waren, sondern daß diese neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht schätzten oder haßten, und daß die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog, indem sie soviel verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung ihre Fährte und in einer besonderen gleichen Elastizität ihre Schwungkraft zu nehmen.
Die Expressionisten träumten lediglich die Träume, die alle Tiger und alle Stiere geträumt hatten, nämlich das Kühne und das zweckmäßig ihrer Natur Entsprechendste zu erreichen. Sie träumten denselben Traum wie ihn von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch träumten, deren Typus sich in der Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den erlesenen Tierrassen angenähert hat, daß jedes dieser Menschengesichter einem Tiergesicht gleicht. Sie bewegten sich mit ihrem temperamentvollen Traum so heftig in den der Haustiere hinein, daß über ihren Spektakel eine der badischen Kühe sicher an ihrem Keller erstickt wäre, wenn er nicht ein Traum, sondern ein reales Futter gewesen wäre.
Aber sie hielten in ihren Ställen, obwohl die ganze Tierwelt lachte, daran fest, daß die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels Exzesse, aber die Orgien der Langeweile des Himmels schöne Segnungen seien. Sie hielten wiederkäuend daran fest und es roch nicht gut nach verblichenen Idealen, wenn sie das bedachten.
Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatsächlich immer wieder deutsche Dichter in den alten Kostümen mit dem Vermerk, sie gäben auf ihr Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prächtigsten Leute standen da und hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in der Hand. Vor so viel Hartnäckigkeit erbleichten selbst die Theosophen und verwandten in Herrn Steffen dieses Zurückerinnern an eine Vergangenheit für ihre Zwecke und schlangen in der gleichen Aufmachung ihre Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges, tränenden Mundes in die Brust.
Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten zwischen Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schuß Rebensaft und niederdeutsche Herbe dazu und wurde überzeugend bei dem wundervollen Schmidtbonn, rührend manchmal bei Eulenbergs pokulierender Schwärmerei. Hesse gab dazu den Anstand künstlerischer Gesinnung und brachte es über die innige Klarheit von Kindererinnerungen schon an das Russische heran. In Wilhelm Schäfer bog sich’s vor männlicher Kraft und böser Unzufriedenheit über den mangelnden Applaus der Zeit. Der großbürgerliche Hans Sachs entstand in Thomas Mann, der in bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer schon verblaßten Zeit noch einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft dekadenter Würde.
Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutüberströmt der Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn herausgab, war’s wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab seinen Kopf mit Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den Bergen zu glühen, allein den Traum umwölkte nur ein Kohlenbecken, es war so sehr Winter in den Ställen geworden, daß man sogar den Traum zu heizen begann.
Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten ausgetubat ward, wollte man auf diese Hüter des klassischen Troges zurückgreifen, aber das Malheur war auch dem Blinden deutlich und man fing eine Razzia an nach neuen Träumern. Ach, es hatte niemand gekalbt und man war in Verlegenheit, weil schon ein langweiliger Jüngling vorausgeschickt und in die Toga gesprungen war und für die lammfromm gewordenen Simplizissimusleute eine Literaturgeschichte „auf klassisch“ geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Mäuse fehlten.
Zum Glück beendete Albrecht Schäffer seine Kriegsgedichte homerischer Form und gab ein paar Bücher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfüms stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch „Montfort“ erlaubte sogar die romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller über Baudelaire und die Romantik zum überklassischen Keller ward in die Stallwand eingeritzt.