Als der Jüngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons in der Hand, hatte keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall der Kastraten, ein Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf einem Pferd, dessen Mähne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen Trab eine graue Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als ihm der Küraß abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem Bademeister schrie. Ach, der Papst war verloren, die Schlacht vorbei, der Überwinder nur ein fesches Gerippe. Es wurde stiller in den Ställen, obwohl das Kauen nicht nachließ, man wartete auf bessere Zeiten, nur Paul Ernst, der plötzlich blau und weiß gefleckt war, zerriß die Kette, sprang brüllend hinaus und gab mit Getöse vor, ein Stier zu sein, während es offensichtlich war, daß davon nicht die Rede sein konnte.
Es zeigte sich immer mehr, daß der Traum härter war als Eisen, stärker als die Lächerlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu dekouvrieren ist. Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter erreichen zu wollen und nicht aussterben zu können wie der Gyrodactylus elegans, der an den Kiefern der Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch hat, das bei der Geburt sofort ebenfalls gebiert usw. Gäbe es nicht eine geheimnisvolle Gegenwirkung, müßte die Welt bald lediglich aus Gyrodactylen und Kellerträumen bestehen. Sie würden sich in die Erde teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange beobachtet worden.
Südlicher an der Donau war man homöopathischer in der Ernährung und schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den Rachen. Es wurde ein graziöser und wahrlich österreichischer Traum. Es ward ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man trabte mit ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh ward ein zartes Gewieher, man stand nicht bös und wiederkäuend in den Ställen, da hingen in den Spiegelsälen Erzherzoginnen, die Bilder der Maria Theresia, des männertollen Prinzen Eugen, der langnasigen Habsburger.
Da spiegelte sich plötzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann das Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme zwischen den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat ihnen ein großes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Müdigkeit melancholisch belächelt, Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre eleganten Scherze aufgeschrieben, ja bis zur Operette hat mit Geist und Anmut Herr Lipschitz sie getrieben, auch die Unterhaltungsbücher bekamen manchmal dichterisches Arom. Selbst Soykas Kriminalromane deuteten mit Wehmut die Präzision der neuen Zeit in ein wehmütiges Finale.
Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tiefträumerische Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine. Selbst im Sterbelächeln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die verkörperte und repräsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das Kostüm mehr, nicht die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch festgehaltene Kranz in der Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war die trüb und erlesen und köstlich gewordene Erinnerung einer Nation aus den Jahrhundertfalten herauf. Hier stand Gesellschaft noch einmal mit aller Würde auf und verging.
Wer Bienen züchtet, weiß, daß die Kreuzung von Königinnen italienischer Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt. Schon in Wien hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebräischen Intellekt vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht füllten, Juden waren, in Prag kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt, schöpferisch wieder von slawischer Durchdringung, dunkel von deutscher Schwere, so ward er bei den Tschechen balkanisch aufgezäumt. Das Jüdische verlor seine Schärfe, das Slawische gab den Akzent, das Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten Schultern.
Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines Volkes, das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der nationale Ausdruck einer internationalen Horde von Gehirnlern und Literaten, mit viel Anmut, mit bestechender Klugheit, teils am Jordan, teils in Zürich, vielleicht auch in Saloniki zu Hause. Mit der einen Hand bei Keller, mit der anderen bei Dostojewski. Von Meyrinck über Pick und Brod zu Kafka gab es eine Verschärfung, der Stachel fehlte zwar, aber die Verdichtung kam nach dem Expressionistischen hin. Der zärtlich und unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei Ernst Weiß, der zuerst die Wiener Weise weicher geträumt hatte, erreichte ihr Roman eine verzweifelt starke Aufbäumung, bei Werfel ihre Prosa schon legendären Gesang. Ach, man war hier weit von den großen Ställen, die Haustiere waren im Süden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal sein Tempo behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte ihn mit Klugheit, mit asiatischer Grazie, mit ungewöhnlich neuen Turnieren reizte man ihn zu Gangarten, die er nicht kannte.
Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Rußland. Schon der Alemanne Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten über seine bewundernswerten Idyllen fielen. Sogar die Mondänen kamen unter das Kreuz dieser Richtung. In Bruno Franks schwächlichen Erzählungen schreien manchmal die Brüder Karamasoff, in Leonhard Franks gewaltigen Büchern gegen die Kriege flammt Dostojewskische Inbrunst sich zu zerstören. Der immer dichterische Kornfeld hat manchmal den Schatten Tschechows im Auge. Der beste Schilderer erotischer Atmosphäre, halbgeschlechtlicher Übergänge, des Genußdufts der Zeitoberschichten, Wilhelm Speyer, stößt auf Tolstoi und muß, während er verzweifelt raffinierte Wollust saugt, in die tiefste Tragödie hinein. Das Schicksal hat in ihm den gekreuzigten Bankert zwischen Weltlichkeit und tiefer Qual gemacht. Der Traum bekommt bei ihm einen süßen und makabren Reiz, den Glanz der Untergänge, das Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits . . . . . .
Gesattelt, geritten, gezäumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen. Er bog sich in Wien in der tödlichen Schönheit eines nationalen Untergangs wie venezianisches Glas oval und verwirrend zurück. Gab in Prag eine Oase fast zwischen den Völkern, durchdrungen, geknetet, durchsüßt und geschliffen von Händen, Hirnen, Wassern der an Asien schon tief anschlagenden Nationen. Wohl in Deutsch, aber übernational schon über Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen Geistes nach dem Großen Ozean gezogen, südlich durch die vermischten Kulturen der frischen Balkanstämme vom Mittelländischen Meer gespeist, so blieb er draußen in der Welt als deutsche Befruchtung.
Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten über diese fremden Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst vor der Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn überhaupt hatte, so gut es ging zwischen ihren Reibzähnen: „Laubhüttenpetrarke, Synagogenstolz“, aber es war der alte Klee nur, der sie hörte, es roch nach alten faulen Idealen, es störte niemand, daß ihre Glocken schwangen, sie waren langsam in das Pianissimo des Wiederkäuens gefallen.