Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brüllen, weil einige mit dem Traum ausgerissen waren, exotische Gegenden zu entdecken. Der männliche Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn mitgenommen, als sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in den Spuren der Gerstäcker, Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte die Expression dabei in die eine, die fahrende Schülerweise in die andre Hand genommen, schrie ein pazifistisches Pamphlet und trabte einen Militärmarsch. Er trabte mit den Füßen einen Militärmarsch aber scheinbar ins feindliche Ausland, wie man in den Ställen behauptete, und Paul Ernst, der plötzlich schwarz-weiß-rot gefärbt war, vergaß sein Renaissancegemetzel, vergaß seinen blutigen Traum von Italien und überschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionäre.
Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu überbrüllen, aber es war ja kein Stier, wie jedermann sich mühlos mit den Augen überzeugen konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er mit Tränen in der Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon Darwin beweist bei manchen Krustentieren, daß vollkommene und ausgebildete Lebewesen dieser klassischen Gattung dennoch niederer organisiert sein können als ihre Larven. Die klassischen Krieger am Fries des Dianabildes streckten sich vor Wonne in ihrem Muskelnetz über diesen vollkommeneren bebrillten Epigonen. Ach, aber selbst dieser Fall verhinderte nicht, daß die Haustiere der deutschen Literatur den erhabenen Traum weiterträumen und den Grünen Heinrich ohne Ablaß durch die Zähne ziehen, obwohl sein Verfasser schon lange im Schweizerischen verstorben ist . . . . . . .
Es möchte scheinen, Mijnheer, ich spotte über Gebühr und beschädige am achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung, mit der ausgezeichnete Menschen an diesen Träumen hängen. Wahrlich, ich kenne ihren Wert und ihren Sinn und weiß manchen ihrer Dichter an einem ausgezeichneten Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein, wenn ich das Muhen der Haustiere höre, die die alten Melodien und die hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts helfen. Ich weiß mich doch wirklich glücklich, wenn ich irgendwo im Park der Dichtung Ansätze an gute Tradition und deutsches wahres Wesen entdecke, aber ich kann den Spott nicht zurückhalten, wenn ich die Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger immer wieder ein verdorbenes Gerippe in den Frühling tragen.
Ach, der deutsche Frühling hat nichts gemein mehr mit den Gefühlen jenes erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind nicht seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht schelmenhaft, wenn die Haustiere den Stil eines großbürgerlichen Mannes wiederkäuen, aber vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzählung damit auszuposaunen, wenn sie die Nation meinen und eine alte Leiche unter ihren Hufen herausstampfen? Einmal müßten, verdammt, auch die bequemsten und faulsten Tiere in den Aufbruch kommen, der sie aus den dumpfen Ställen in die Freiheit führte und aus der Blindheit in das Licht. Ja, ich fürchte nicht, daß die Einäugigen gefährlich werden, aber ich habe Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu erlösen sind.
Ich entsinne mich zu gut, daß auch Balder, der Lichteste der Götter vom blinden Höder mit einer Mistel getötet wurde, die ihm der unheilvolle Loke reichte. Ich weiß zu gut, wie die Götter über ihren Liebling klagten und daß seine schöne Geliebte daran starb. Und ich kann mir nicht verschweigen, daß ich den Balder ohne Rückhalt liebe, aber den Loke hasse, daß aber der Dämon des Bösen sich immer der Ahnungslosen bedient hat, um ins Unheil hineinzuführen. Adler und Schwalben haben seit jeher mit einer Armee von Blumen in jeden deutschen Frühling hineingeführt, aber nicht das grämliche Muhen der Haustiere, die den Frühling zu beherrschen glauben und meinen, die Welt vermöge infolge ihres erhabenen Traums nicht aus ihren mahlenden Zähnen zu fallen.
Nein, ich spotte nicht aus Übermut oder aus zornigem Vergnügen, sondern ich schüttle den Bann wie jeden Alpdruck heftig in die Sonne, daß die Motten aus seinem alten Pelze fliegen. Denn ich liebe den alten Keller mit aller Herzlichkeit seines eigenen Gemütes, aber ich kann nicht sehen, wie seine Nachahmer ihre schlechten Schellen an seinem Wagen tragen. Ja, ich weiß auch, daß der Spott nicht schadet und mit jeder guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und daß nur die steifbeinigen Kühe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen können wie die helle Sonne, die sie wütend macht.
Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, daß es Dinge gibt, die man liebt und die man zu gleicher Zeit verwerfen muß Haben Sie nie geschwelgt und zur gleichen Zeit verdammt? Ist es nie so gewesen, daß Sie das Herrliche bewußt vorüberziehen ließen und mit den Mäusen sich ergötzten? Ach, man ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich für die großen Linien und für die Urteile und ich schneide die Staffeln in Stein oder ich schmeiße das Zeug hinaus. Was kann ich für meinen privaten Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die Bücher des Thomas Mann ab aus guten und vielen Gründen, aber ich lese sie gern, ich liebe sogar den „Tod in Venedig“. Ich amüsiere mich schief über den Pierrot Schäffer, aber ich liege die Nacht schmökernd mit seinem gespenstischen „Montfort“. Ich durchschaue den Schwindel, aber ich bin verliebt in ihn.
Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, daß am stärksten Sie reizte, was unbedingt das Unmöglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft im Spiel seltsam zueinandergestellt, er will, daß man die Süßigkeit und die Klarheit, aber auch den Widersinn seiner Schöpfung erkenne. Seine Methoden sind oft von erlesener Laune, ja sie sind verrückt. Ein Coenurus zum Beispiel, der haselnußgroß im Hirn des Schafes wandert, zwanzig Köpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an Drehkrankheit zu Grunde dreht, ein Coenurus zerfällt, von einem Hund gefressen, in seinem Darm, nur die Köpfe bleiben übrig und erzeugen soviel Bandwürmer, als sie Köpfe waren, und deren Eier, vom Schaf mit dem Gras gefressen, durchwandern wieder bis zum Exzeß des Drehens des Schafes Hirn. Ja, sie sind verrückt und absonderlich die Umwege der Vorsehung und man kann nichts sagen über solchen Kreislauf, als er habe einen Sinn, den uns nichts erleuchtet.
Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die ihrer Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum integerrimum in die Harnblase des Frosches verbannt gehören) erinnere ich mich gern eines der amüsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener Primadonna aller Ausstellungen und Premieren, des Königlichen Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den Darm, sondern den umgekehrten einschlug. Fest entschlossen, sich über alles bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er kritisch immer von hinten nach vorne zu gehen, schrieb über die Kostüme der Leute, deren Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die er zu verreißen beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren Stücke er zu loben hatte, schwärmte, da er im Krieg die Butterverteilung der Stadt Brüssel in seiner männlichen Hand hatte, für kriegerische Tüchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er konservativer Natur war, für bolschewisierende Käseblätter.
Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten, man kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen Kränze auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides verspotten. Man muß nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des seligen Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die andere Seite fallen müssen, denn der Schein der Überlegenheit ist nur die Waffe des Snobs und die Maske des unsicheren Gentleman.