Aber man muß entschlossen dabei sein, auch über alle Kreuzwege hinaus, über sich selbst und das bißchen private Ergötzung, über unsere Leidenschaft und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn die Perücken von heiligen Häuptern vielleicht sogar mit den Köpfen selbst herunterfliegen.
Am achten Tage der Schöpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf die Tragödie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage unseres Zusammenseins hat der kühle deutsche Mond sich auf die Schwarzwaldspitzen gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in diesen Lichtkavalkaden verhüllt. Am achten Tage nahm der Tod der Margarethe von Valois, Königin von Navarra, die, aller Sprachen kundig, des ersten französischen Franz ungewöhnliche Schwester, das Dekameron des Boccacce ins Französische transponieren wollte, am achten Tage der Erzählungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der Tod ihr den Stift.
Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzählung, darin, launig aber auch teuflisch, doch nicht mißzuverstehen, erzählt wird, wie beim Einsargen eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben marschiert, es marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie. Ach, ich fürchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht unterbrechen, selbst wenn die Schellen ihnen unter den ehrwürdigen Nasen wie die Tanzschritte des Lebens klingen.
Die neunte Nacht
Und Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko, wo sie die zänkischen Musen, unter welche sie (wie Venus an die Amouretten) ihre Gouvernements verteilt hatte, in einer festlichen Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier ein Lächeln begonnen, dessen Anmut die Abgründe ihres Wesens ahnen ließ, aber nicht enthüllte. Und sie hatte eine Leidenschaftlichkeit in ihren göttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich hinter ihren graziösen Spielen versteckte.
Es war ein reizender Spätsommer der Musen, als sie um ihre Göttin sich zum letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe Frühling ihres Beginnens.
Schon immer war ein großes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre Auserwählten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der Frau ausgab, in die ganze Windrose geführt. Holbein sowie der van Dyck haben ihre Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mönche hatten seinerzeit den Urwald des mittleren Deutschland gesäubert und die Karolinger unterwiesen, Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grünewalds Töne, Dürers Art hat erst Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen nach Reims und studierten den Dom, ehe sie den ihren begannen. Der schöne Lionardo gab den Franzosen eine andere Linie ihrer Architekturen. Rembrandts Chiarobscuro hat man im Süden erfunden, jüdischer Geist aber hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches wanderte durch Granada nach Italien und über Frankreich in die Musik der besten deutschen Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne die Briten, Klopstocks „Messias“ ohne Miltons „Verlorenes Paradies“? Das italienische Porträt der Renaissance, ihre schönste musikalische Erhebung in Palestrina kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben den Tschechen von ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die Bienen, aber auch wie die Wölfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die Eau de Cologne, das Modeparfüm des Rokoko, war von einem Italiener erfunden.
Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendröte ihrer Springbrunnen und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das kölnische Wasser zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kämpfen und Balgereien der Musen mitten in einem Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf der Flöte geblasen, halb von einem unterirdischen Donner gespielt ward.
Die Deutschen bauten der Göttin Europa damals ein leidenschaftliches und ihr schönstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und raffinierter Andacht die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, und mit dem Niederländer Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann, dem Schweizer Bossi, dem Münchener Zick, mit dem Tschechen Mika, dem Tiroler Oegg, dem Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal beteiligt. Sie beeilten sich später allerdings, in alle Verstecke wieder zu fliehen und mit Pfeilen aufeinander zu schießen. Bonaparte, der letzte Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie mit Kanonen erschreckte, denn es gab für ihn kein anderes Mittel, Europa wieder zu finden, als die mörderischsten Kriege.
Als er Goethe Belehrungen gab über seinen „Werther“, den er siebenmal gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schöner wie Voltaire einen „Cäsar“ zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den besten Trabanten der Göttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner Hauptstadt aus dessen Stimme über die Welt schallen zu lassen. Der größte Europäer hatte den begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber dieser folgte ihm nicht. Während des europäischen Maschinenkriegs aber war die Göttin völlig außer Landes gegangen.