Sie war völlig außer Landes gegangen, und acht Jahre nach der Erfindung des Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Vertrag stehen die Musen noch um Deutschland an den Mitrailleusen. Frankreich weist ihm die Tür, England übersieht deutsche Kultur, Amerika ist sie kaum erwünscht. Von dort kommt kein Ruf nach der Göttin. Nie hat der Schwaden des Hasses so sehr ihre Gefolgschaft getroffen, daß die zänkischen Musen zu derartig tollen Unterleutnants der Rancune wurden und das Gebiet des Geistes in eine Serie von Gefängnissen aufteilten, durch die sie den Parlamentären der Kulturen nicht einmal den Durchmarsch erlaubten.
Die weiße Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Söldnerkrieger der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanität in den Staub gerissen. Von unseren Büchern weiß man nichts, unsere Bühne mißachtet man, unser Entgegenkommen höhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den Zügen der guten Viebig hat man im Reformkostüm an die Rampe des Gelächters gestellt und ihr zu Füßen mit einem Jodler und Tiroler Hut den kleinbürgerlichen Bonsels pathetisch gelegt und mit Übersetzungen aus ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und Feldwebel uns in Paris vor aller Welt so zu einem geistigen Mummenschanz mißbraucht. Es ist kläglich, sich nach zehn Jahren Pause durch solche Gäste vertreten zu wissen.
Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine große Göttin immer noch zu lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht vor ihr zu verneigen. Es ist das Unglück, daß mit den sinkenden Valuten auch die geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal wieder naht, ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten in dritt- und zweitklassische Kreaturen eingeteilt finden. Aber Deutschland, Mijnheer?
Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei den Rheingermanen gefunden. Während der Kriegsjahre haben sie alle Freudenfeste der „feindlichen“ Musen nach alten Bräuchen mitgefeiert. Fünf Jahre nach der Münchener Räterepublik schwimmt das deutsche Theater unter den Schwänken der gallischen Possenfabrikanten, Moliere und Shaw reichen sich wie während des Kriegs vor den Bildern Calderons und Shakespeares die Hand, und alles Zeug, was Deutschland schmähte, ist pardonniert und geliebt, soweit es begabt ist.
Suarèz durfte schreiben, wir fräßen Hunde . . . Verziehen. Claudel uns gierig in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den Friedensvertrag längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte von Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer wie eine Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die einen Kranz des Führers trugen und besser wissen mußten, daß wir nicht allesamt eine Horde von Hyänen und ausgehungerten Wölfen seien, durften die verächtliche Emeute jener Niedertracht anführen, die uns zu den Hottentotten Europas erniedrigen wollte . . . verziehen, vergessen. Die ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche Frankreich den Direktor des Theaters „Vieux colombier“ hängen, den vom „Oeuvre“ schinden würde, wenn in ihren literarischen Versuchsbühnen ein deutsches Stück gespielt würde, wo die französische Zeitschriftenkritik vor Chauvinismus dampft, wo England uns die Pässe verweigert, Rußland kein Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat. Und wo unsere Freunde in diesen Ländern ohne Macht gegen die Geschwader der Dummheit und in der Minderheit gegenüber den Steuermännern des Hasses sind.
Der Dreißigjährige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur Gesittung aufrief, schaut über den Ozean weg nur nach seinen Dominions. Frankreich, das Europas Feldgeschrei führte, ist ein Land von irrsinnigen Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im nördlichen Dreieck der Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer Gorki shake hands der Internationale.
Aber Europa?
Ein Hohngelächter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrückten Haag, vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ängstlichen Zürich als Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das gleiche Zittern wie die Gestürzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie zur Zeit der Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen kachiert, sitzt zwischen den Bajonetten der hochkapitalistischen Gallier und den Kanonen der östlichen Kommune. Denn nicht nur Poincaré, auch Barbusse (seit er auf Moskau schwur) ist der Krieg. Nicht nur die Kannibalen, auch die konsequenten Buddhisten bedeuten Tod. Es unterscheidet beide nur (sehr) das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg geht, ohne Belang.
Denn Krieg heißt Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, daß die Göttin vielleicht ihre Verstecke verläßt und zurückkehrt.
Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die zänkischen Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und Springbrunnen spielten. Ach, es wird keine Flöte in das Konzert ihrer Wiederkehr spielen, aber der geheime Donner von damals wird ein abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.