Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurückkehren wollen. Deutschland wird aber nicht aufhören, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden nicht untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal Utopie, es wäre ein schönerer Wahnsinn als der der Vernichter.
Ich weiß, wir haben am wenigsten Anlaß, schuldfrei uns zeigen zu wollen, wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, während des Mordens in schlechtem Stil Europa geschmäht, und müssen, wo wir mit gereckten Armen nach ihr verlangen, das Peinliche erleben, daß sie im Umkreis in gutem Stil verlacht wird. Ich weiß, wir säßen in anderen Wagen, wären unsere Rosse siegreich durch den Arc de triomphe geritten.
Der Staël antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Porträt ihm gefallen, der neugierigen Staël antwortete der Lord ironisch: es wäre besser ausgefallen, hätte er jener Lady Caroline Lamb länger zu sitzen geruht. Ich weiß, es ist billiger, gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit anzurufen, als sich „audessus de la mêlée“ mit schönen Ideen abgeben. Ich zweifle aber nicht, daß, „wenn wir länger Modell gesessen“ und die Champs Elysées mit preußischen Pferden hinaufgeritten wären, die Stimme nach Europa in Deutschland mit der größten Tapferkeit dennoch gerufen hätte.
Sie wäre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden. Ach, daß Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren Freunden gerade die schlechten Trommler Europas machen mußte. Was kann man tun, wenn einem alles verläßt?
Nicht paktisieren, Mijnheer.
Es lebe Europa.
Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen, sind eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und dem „comédien ordinair edu bon dieu“ gewesen. Ihr Herz stritt zwischen dem Ideal der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre edle Exaltation mit den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und zuletzt immer ihre eigenen Göttinnen erschossen, indem sie dabei das alte Preislied für sie sangen.
Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der Marseillaise hergelaufen und haben schon preußischen Drill im Blut gehabt, sie haben Europa befreien wollen und haben es geknechtet. Sie haben die Fiktion ihres martialischen Glanzes erobert, während die unkriegerischen Nationen der Römer und Briten, indem sie Baumwolle oder Christentum sagten, die Welt unterwarfen. Sie haben selbst bei Stendhal und Suarèz den Vorbehalt, daß Europa nur sei, wenn Frankreich sei, aber, schon indem sie es sagen, ist es nicht mehr eine Bedingung, sondern es ist schon Gleichung: Frankreich ist, darum ist Europa.
Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst, die sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort „Franzose“ so berauschen läßt, während die Briten sich in ihren nationalen Gefühlen sehr nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenüberstehen, obgleich die Naturelle der beiden Völker umgekehrt sind wie ihre Fähigkeiten, sie einzuschätzen.
Ein tapfrer Kämpfer Frankreichs für Europa sein, bedeutet darum mehr, als in Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefühl folgt, der Gallier aber gegen seine Empfindung erst europäisch wird. Der Deutsche erfüllt seine Mission, der Franzose muß erst den Gallier in sich erschlagen.