Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder öffnet, bleibt es in seiner guten Tradition, und wenn es die „Feinde“ mithereinläßt, ist es lediglich nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das mißachten und für die Fehler von Politikern und Kasten jetzt Europa büßen lassen, ist das ihre Sache und eine infantile Vendetta gegen völlig Unbeteiligte. Wir ziehen es vor, die Geliebte weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und ihre Knechte wütend die Zähne zeigen. Denn wir verehren sie und nicht die Unvernunft ihrer Umgebung.

Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt. Ihre großen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte Europa. Montaigne zog die Kraft des Geistes schmerzlich um die Welt. Voltaire und Stendhal flaggten Europa schon sehr hoch. Balzac formte bereits Demokratie, Flaubert maß nach der Größe europäischen Gewissens. Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns das schmerzlich süße Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit Rousseau begann.

Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem Blut, unter unsere Bürger genommen wie die Romantiker, wie die Sand, wie ihren unglücklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen Sprache. Wir haben in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle Boulevardstücke genossen, Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezählt, seine zweihundert Bücher Romanfabrik gelesen und sogar für seine Saucenrezepte uns interessiert.

Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine gerichtet. Sind mit den Malern Feuerbach um Couture, Trübner um Courbet geschwärmt, haben des Gauguin Tagebücher, des Van Gogh Aufzeichnungen, drei Bücher von Kunsthändlern über Besuche bei Cézanne wie das Credo und die heilige Schrift verschlungen, während Wedekind nicht gespielt ward.

Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht, haben die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst zu der monumentalen Bedeutung der Flucht eines grandiosen Zivilisations-Deklassierten gemacht, wir haben auf Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Rimbaud unsere Ästhetenschulen gebaut, haben Pierre Loti leider für einen größeren Dichter wie Alfons Paquet gehalten, haben hochstehende Aufsätze um Charles Louis Philippe, diesen zärtlichen Kindskopf der Tragödie, geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und Pierre Mille und den unglückseligen Farrère mit seinem Opiumkitsch in unsere besten Stuben geführt.

Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen beschäftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, waren sie schon intim. Der ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen um die Zeitschrift der „Nouvelle Revue française“ war vor dem Krieg bekannter in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivières Ruf gingen weit übers literarische Versnobtsein hinaus. Suarèz schrieb das beste Italienbuch für die Deutschen. Claudel widmete man Weihespiele in Hellerau. Für Francis Jammes, der die royalistisch fromme Linie des Joinville fortsetzt und die zärtlichen Töchter des alten Adels und die Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu nebeneinander malt, entstand ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste Deutsche als Übersetzer.

Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die während des Kriegs den hellen Bullen ihrer Revue im Stall ließen, hat sie Deutschland nicht entfremdet, man erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Können gehört.

Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den Krieg Frankreichs protestiert und für Europa optiert haben, jenen tapferen Kreis junger Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste, aber seine mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse, teils um Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas während des Mordens waren, wenn beide auch, zumal Barbusse, keine im letzten Sinne guten Schriftsteller, aber überzeitlich große Charaktere sind.

Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist der Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse wollte aus dem Débacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen Europäer erstehen lassen, schuf in der Organisation der „Clarté“ ihm mit einigen humanitären Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr guten gleichnamigen Roman die Kulisse und mit seinem Anschluß an die dritte Internationale Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen revolutionieren und ging nachher Bajonette einkaufen, gläubig und voll menschlichen Mutes zwar wie ein Thermopylenkämpfer der neuen Gesellschaft, aber dennoch als Aufrufer an die Gewalt. Er postulierte mit dem russischen Terror die Gewalt von links gegen die von rechts, die er wie ein Herkules bekämpft hatte. Er führte seine Kunst durch die Gesinnung in die Politik, während Rolland die jungen Leute zurückführte zu dem weisen Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das Reich des Geistes müsse rein bleiben und Europa käme nur, wenn man glaubend für es arbeite, und nicht, wenn man danach schieße.

Barbusse aber, dessen „Feuer“ auch das einzige Frontkriegsbuch der Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu ahnen, neben Goethe, den er in diesen Dingen bekämpft hat. Der, von Bonaparte begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem Prätendenten Enghien und dem läppischen Schreier Palm vor die Stirn geschossen, denn dem Genius stehe dieses Weggehn über alle Schranken frei. Sie bedachten beide nicht, daß man das aus dem Temperament heraus vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit mythischer Gewalt gegen die Idee richtet und den am sichersten ersäuft, der es für sie vergießt.