Diesen Streit zwischen den Führern der europäischen Idee haben die Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie den Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjährigen France wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einfluß Frankreichs ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schülern der großen Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Léon Werth gehört. Guilbeaux, der während des Krieges „demain“ in Genf herausgab, wurde in contumaciam (während er Rußlands Erde schon mit Ruhe und Ansehen betrat) auf Grund eines Materials als Schädling seiner Nation zum Tode verurteilt, das an der Spitze einen Bericht von meiner Hand über den Mut enthielt, den er während des Krieges für die Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat René Arcos mit seinen stillen weitherzigen Dingen übertragen, den Bilderhändler Vildrac auf die Bühne gebracht, Colin, diesen Wanderprediger Europas gehört, gelesen, man nimmt Notiz von Duhamels Büchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain, von Chennevière. In dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft der Ästheten um Gide besäße und unsicher ist, ob einer europäisches Ansehn wie seine Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie für das wahre Europa stritten, die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.

Es scheint allerdings im Sinn dieser Übergangszeiten zu sein, daß in den Siegerländern keine Führer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch formt sie sich, weil er Höhenbedürfnis hat, während Triumph nur eine dicke Lüge ist, die eines Tags nach ihrem größten Brüller platzt. Ungleich dessen ist der Einfluß dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich atmet mit allen seinen Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland liebt diesen Geruch als den einer schönen Freundin. Es wird trotz allem dabei an die Göttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so wirbt es ja nicht um ein Weib, sondern um die Liebe selbst. Unglückliche Liebe gibt es nur im Sprachschatz der Tölpel. Vor der Ewigkeit gibt es das nicht.

Man kann nicht alles sagen, was ist, man muß sich begnügen mit dem, was Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen holländischen Gentleman, der unabhängig ist, reist, den Horaz im Koffer mitführt, den seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy ein Lager von Strandkörben und halb wie ein Gartenliebhaber seine Blumen), mehr kann einen holländischen Gentleman nicht reizen. Er kann nur so, statt an ein Phantom zu glauben, die Wirklichkeit der Nähe eines befriedeten Europas berechnen — — — in gleicher Methode wie Galilei, der auch, um die ungleiche Entfernung der Fixsterne von der Sonne zu messen, auf die geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der Entfernung zu ihren einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was macht Holland, Jonckheer?

Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a Kempis und Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab der Freiheit das tolle Geusenlied: „Wilhelmus von Nassauwen ben ick van duytschem bloet /// Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet“ . . . Der Name der Gerechtigkeit heißt Multatuli. Hinter ihm kennt man kaum die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der Menschheit, ich glaube auch von der katholischen Propaganda. Das ist zusammen nicht sehr viel des Guten. Man hat dafür die Seuche der sämtlichen Romane des Cooperus ebenfalls in das deutsche Walhall gestellt. Das ist nicht Tulpe und nicht Geist, aber Valutadumping mit verächtlicher Literatur. Auch den Unterbietern der Qualität, sehen Sie, gibt man das Gastrecht.

Es könnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder man habe sie nicht. Man hat übrigens durch den Krieg die stammverwandte flamische Literatur nach Deutschland geführt. Der ausgezeichnete Essaiist F. M. Hübner hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu dem Eekhoud nach Deutschland transportiert und man hat, nicht nur aus politischem Interesse, diese germanische breite und saftige Kunst, für die de Coster das europäische Wahrzeichen ist, aufgenommen. Die über Frankreich eingeführten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher übertragen.

Deutschland hat außer den Russen überhaupt die besten Übersetzer der Welt. Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die Barret-Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine, Werfel die Tschechen, Flake den Suarèz, Blei den Claudel, Vollmöller den d’Annunzio, Däubler den Vildrac, Annette Kolb den Chesterton, Stefan Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling übertragen. Deutschland hat das Glück, daß seine besten Stilisten seine glücklichsten Pioniere sind, während die guten Autoren des Auslands es kaum der Mühe wert finden, Deutsch zu verstehen und schreien würden vor Heiterkeit, wenn man ihnen vorschlüge, deutsche Zeitgenossen in ihre Sprache zu bringen. Deutschland hat um seine besten Übersetzer herum noch eine vollkommene Industrie von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das Ausland vorführen. Die einmal an der Börse des deutschen Geisteslebens eingeführten Autoren werden wie die Hühner in schwarze Minorkas, rote Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschäftlich festnotierten Kurse.

Eine Anzahl Revüen verbinden Deutschland dazu noch mit verschiedenen Ländern und die Übersichtstafeln seiner Zeitschriften berichten eifrig über jede Bewegung in der ausländischen Kunst. Während allerdings England und Italien die Länder der Zeitschriften sind von fast unvorstellbarem Einfluß, während in Frankreich die Revuen für die literarischen Kreise eine nicht genug zu schätzende Bedeutung haben, sind ja die deutschen literären Zeitschriften ebenso schlecht wie langweilig. Nach dem Eingehen von Schickeles bewunderungswürdigen „Weißen Blättern“ gibt es keine Revue mehr. Lediglich des Verlegers Fischer „Neue Rundschau“ hält eine gewisse Tradition, aber in der Tat nur die ihres Alters. Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie wohl quallig aber nicht unamüsant, wenn auch mit Händen und Füßen zwischen die Hauptautoren Wassermann und Hauptmann aufgehängt. Seitdem sie ihren Standpunkt verlassen hat und„modernisiert und politisiert“ wurde, ist sie erbarmungslos öd geworden. Deutschland, das immer hundert nach einem halben Jahr schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften hat, verliert damit seine einzige konservative Revue von Haltung.

Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Stefan Großmann mit seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene blitzschnelle Beweglichkeit des Geistes, die Schärfe neben dem Kristall und der Farbe. Eine Zeitschrift müßte in jedem Artikel, von dem man die letzten drei Sätze liest, so klar sein, daß man sofort weiß, ob es um die Monarchie oder rumänische Läuse geht. Neun Zehntel unserer Zeitschriftenaufsätze sind so dunkel, daß man, von Thomas Mann bis zu Alfred Wolfenstein nicht ahnt, wohin die hochstehende Geschwätzigkeit nach vielen gelesenen Seiten eigentlich marschiert.

Die Flamen und Niederländer sind, ich weiß, noch breiter. Und doch ging von der holländischen Zeitschrift „Stijl“ das erste Manifest für eine europäische Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von der Bauart der Maschinen her nicht einen europäischen Konstruktions-Stil lehren, denn Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser Theo von Doesburg hatte eine Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten gefolgt sind, beweist das nur tragisch, daß die Verantwortungsvollen die Nichterwählten und die Leichtfertigen aber die Begnadeten sind.

Auch die Natur hat ihre Einfälle barocken Humors und es macht ihr nichts, daß sie zerstört, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so gesund, sich tragische Ausschweifungen leisten zu können, und es beschwert sie wenig, daß das menschliche Gewissen unter dieser Frivolität sich krümmt. Sie hat wohl ihr eigenes Gewissen und es ist wohl einfacher und tiefer als das unsere.