Man muß sehr vollblütig sein, um nicht fürchten zu müssen, sie wolle überhaupt die Zerstörung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann die Zerstörung mit einer Wollust, die nicht ohne göttlichen Funken war.
Kennt man den Niedergang der Kunst in Italien, weiß man um die Viehmärkte in den Höfen herzoglicher Paläste, erlebt einer dauernd die Monotonie der Landschaft, blauen Himmel mit Sonne an weißer Mauer, überblickt man die drohende Kraft der klassischen Traditionen . . . dann begreift man die Inbrunst, die den Futuristenpapst Marinetti mit der Petarde in der Hand herumlaufen ließ. Dieser sonst ganz begabte Autor beschloß alles zu vertilgen, um wieder atmen zu können, seine Maler Boccioni, Carrà, Russolo, Balla, Severini malten zum ersten Male in der Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu noch gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem blödsinnigen Nationalismus, der sich gegen Österreich richtete. Ihre Kunst bestand aus Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und Hysterien. Die Bevölkerung Italiens bewarf sie mit Äpfeln, aber sie entzog sich nicht der Suggestion.
Im Krieg übertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale, schrieben die Herren Hülsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schützengräben Europas. Die Totentänze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen. Und die Tänzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen rechtfertigten wie jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich gewöhnen müssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis voyageurs des Internationalismus zu fürchten. In dieser Pause Europas zeigt die Tugend wie das Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.
In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die jungen, schon wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in Berlin ausgestellt und ihnen europäischen Ruhm gemacht, worauf sie ein Jahr später nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu gesunken war.
In dieser Pause Europas hat aber d’Annunzio, das feurigste Talent der Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebüßt. Ihm war es leicht, da er Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter sich zu scharen, obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionären seine barocken Bücher nicht zur Hälfte verstehen. Er verstand es, die Tradition zu lieben, auch wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und hatte, der Romantiker und Genüßling, die Generäle und die Futuristen und die Proletarier hinter sich.
Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen, Manzoni, der große Schüler Walter Scotts, in seinen „Verlobten“ die massive Gläubigkeit eines Katholiken über Deutschland geschüttelt. Dann hat man wohl auch Pascoli, dem schönen Lyriker und dem bedeutenden Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jüngsten Dichtern um die vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst der Kirche, bald zu dem der Futuristen betete, bekümmert.
Einfluß aber hatte nur d’Annunzio, für Deutschland wie Italien, ja für Italien so sehr, daß, als er während des Tripoliskrieges ein wüstes Gedicht gegen Österreich verteilen ließ, niemand es verstand, aber jedermann in Taumel geriet, weil jedermann seine eigene italienische Stimme auch aus dem unerklärlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache trommeln hörte.
Von Einfluß waren die Futuristen dann dadurch, daß sie Bewegung brachten. Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die Bewegung der italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne Tradition sind, ohne Sinn für spekulative Kunst und obwohl es nicht gut für uns war, sie aufzunehmen. Man kann wohl sagen, daß wir Hunnen des Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die anderen gewesen. „Ich verachte alle Boches,“ sagte ein gebildeter Engländer mir in Innsbruck, „hier heißen sie aber Franzosen.“
Die Deutschen sind von einer rührenden Großartigkeit der Welt gegenüber. Wären sie es gegen sich selbst, sie wären das Herz Europas. Hätten wir am neunten November des Revolutionsjahres statt lediglich Rissen zwischen den Volksteilen nationale Bindungen großen Sinns gehabt, wäre eine Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im gerechten Ausgleich gebend und nehmend, das Gesamtgefühl gestärkt hätte, dem Feind statt wie ein Epileptiker wie eine große, aber unglückliche Nation entgegengetreten wäre . . . . wir ernteten heute eher den Ruhm Europas für die Größe unseres Unglücks, als daß wir den Foot-ball der anderen Nationen darstellten. Aber es ist nicht das Schlimmste, wenn man seine Bestimmung erfüllt, maltraitiert zu werden. Auf die Dauer gibt es keine „Sieger“, denn sie würden ersticken an ihrem Triumph.
Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen. Wer Sieger allein sei, sagte der Gründer der Alhambra, Mohamed, als er bei der Belagerung Sevillas dem König Ferdinand gegen seine maurischen Freunde helfen mußte und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten Endes, sagte er, indem er auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung: „Wa la ghalib ila Ala.“ Man hat mit einer hinreißenden Größe in Deutschland vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an Europa nicht gezweifelt und alles in die Scheunen gesammelt, was um die Grenzpfähle wuchs.