Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Götzen, und keinen Japaner, dessen Perspektiven wir nicht untersucht hätten. Die Literatur der Ungarn, die aus dem Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott nachmachte, bis Petöfi sie ein wenig völkischer erlöste, haben wir zu unserer besten Unterhaltungsliteratur befördert. Wir haben jene stallburschenhafte Unbekümmertheit unter schiken Reithosen, jenes Paprika auf der Zunge und Pomade im Haar, das die an der Seine parfümierten Theaterstücke der Molnar und Konsorten ausmachte, neben der „Minna von Barnhelm“ gespielt, während Büchners „Leonce“ nicht gespielt ward. Wir haben das wenige, was nicht erbärmlich in ihrer Prosa ist, in den graziösen Geschichten Ernö Széps, in dem Seelenspaltungsroman von Babits, in der erotischen Bauerngroßmäulerei des Moricz aufgenommen.
Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell in die Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das Verdienst des Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenössischen Finnen gekümmert. Das fabelhafte Schöpfungsgedicht „Kalewala“ war bekannt. Goethe hatte sich schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines Landes, dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang schwedisch sprach und schrieb. Juhani Aho, welcher das barbarische Land mit Stromschnellen und indianischen Gebräuchen in großartiger Wildheit malte, ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die zerblasene, barock sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem deutschen „Simplizissimus“ hingeführt und in die Nachbarschaft von de Costers „Uilenspiegel“. Bei Ilmari Kianto, in dessen Büchern sich zwischen Gletschern und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum Zerplatzen biegen, tritt das soziale Element der Mongolen in die Literatur der Deutschen, das auf der ganzen Welt, nicht zum Vorteil der Begabungen, die Dichtung zu beherrschen beginnt. Mit France, Gorki, Shaw stirbt eine Generation von breiten Dichtern mit ihren Gesellschaften aus. Europa ist noch nicht zurückgekehrt, um neue Führer für neue Gesellschaft mit ihrem Finger zu benennen.
Wie groß war die Wirkung der klassischen Russen und Engländer auf Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski. Sie sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen Literatur ins Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen Kusmin, den schönen, aber vom Geist der Städte zerpflückten Dymow, den rastlosen Panin, den verrückten Remisow hat es übertragen und geschätzt.
Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne „Kunst dem neuen Volk“ angetreten. Alexander Block mit seinen „Zwölf“, jenem wilden Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel dennoch bewiesen, daß man auch als Politiker große Kunst schaffen könne. Die Kunst Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die Deutschen haben aber keinen Augenblick aufgehört, selbst den Experimenten nachzuspüren. Es fehlen nur die Massen, die früher eine Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich im gleichen Gefühl trafen.
Wo sind auch die Signale, die England einst herüberfunkte? Hinter Percys „Reliques“ und Macphersons „Ossian“ lief ganz Europa her. Die Werke der Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die Franzosen auszuräuchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden schwankte. Der „empfindsame“ Sterne, Fielding, dieser entzückende Spötter, Goldsmith, der mit Flötenspiel durch die Welt reiste und medizinierte, bestimmten einst den deutschen Gefühlsausdruck. Die Romantik Bulwers überschwemmte alle gefühlvollen Herzen, die Elliot malte ihre Sätze in jedes Album, um Currer Bell vergoß man männiglich Tränen. Man freute sich mit dem großen Redner Sheridan und seinen Witzeleien, man lag am Herzen der Smollet und Thackeray und Defoe und Swift.
Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schönen Lord Byron geliebt und wie waren später der schöne Urning Wilde und Beardsley die sichersten Ponten im Spiel der Geschmäcker. Aber erst Scott ward ein Autor, um den Europa sich riß und mit Dickens wäre jeder Germane gern gestorben. Deutschland lebte von England, weil es ein breites bürgerliches Publikum besaß, aber keine bürgerlichen Romane.
Das Publikum ist heute in der Zersetzung, aber auch England hat keine Autoren mehr außer dem Savanarola der Militaristen, dem Kipling und dem Lächler und Sozialisten Shaw. Zwischen ihnen steht (außer dem famosen Wells) lediglich noch der gescheiteste Mann Englands, Chesterton, halb Prälat, halb Kunstreiter, den Blick nach Rom gerichtet. Chesterton, der sogar Detektivgeschichten benutzt, um katholische Seelen zu fangen, der den Curé-Kriminalisten erfand und als Spötter sich über seine eigne Propaganda für Rom artig ergötzt. Die katholische Kirche ist — weiß er — das elastischste Gebäude der Welt und gestattet als einzige Organisation der Welt die Ironie.
Kipling ist Engländer und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord Northcliff ein halb Dutzend Jahre den größten Preßkonzern der Welt gegen uns in Batterien der Unflätigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, daß auch Kipling, ein Dichter und gewaltigerer Tierschilderer als unser Hagenbeck und der Däne Fleuron, daß gerade ein Raubtier-Dichter wieder das Wort von der Vorherrschaft der weißen englischen Rasse über die Welt und die Schurkerei seines deutschen Konkurrenten erfand. Es waren geschickte Jagdzüge, und das deutsche Fell blutete heftig darunter. Shaw und Chesterton sind dagegen Iren. Auch in England hat der Sieg neben dem Europäer Shaw nur einen überhitzten Nationalisten als Repräsentanten hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort Pause. Hinter den beiden Iren ist nichts mehr da.
Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch Schreibenden, den Upton Sinclair geholt, dessen Bücher dichterischer wie die des Barbusse sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn er versucht politische Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen Kunst. Schon immer besaßen wir Amerika. Als vor hundert Jahren Washington Irving seine Skizzen schrieb, die England und Amerika aus der Schmollerei zur Freundschaft brachten, haben wir den Irving sofort übernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbücher groß geworden, an des Bostoner Emersons Klügeleien haben ebenso viele sich gewärmt wie andere an der Engländer Ruskin und Carlyles beschränkten Gedankengängen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah wie Bayern im deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopöen las man in größeren Massen als die englischen tuberkel-süßen Prärafaeliten. Poes Grausen hat seine furchtbare Nüchternheit neben unseres Hoffmanns Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.
Wir haben freigiebig dem Rumänen Monolescu unsere Perlen gelassen und seine Diebsmemoiren dafür gedruckt, haben es willig hingenommen, daß polnische Emigranten während des Kriegs, ehe sie zu antideutscher Propaganda ins Reich Pilsudskis zurückkehrten und schwiegen, uns die halbe ziemlich greuliche polnische Literatur servierten, darunter allerdings den kessen Roman des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane, haben des portugiesischen Zola, des Queiroz Bücher, haben die Poesien der Asiaten und Afrikaner, der Kabylen und Lappen zu uns eingeführt in einer Flut, die bald hemmungslos weiterströmt als man mitkann.