Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre „Nichteingesessenen, Eingekauften“ stammen noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihre drei möglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd gestiegen und damit in den großen Tattersal geritten. Das liberalste Hirn Europas sind die Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter übersetzt, haben Scholem Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die Paies und Kaftans und Chuzpes und ihre tiefe Gläubigkeit, ihr unerhörtes Nationalbewußtsein neben das unsere gestellt, haben durch des bedeutenden Denkers Buber vermittelnde Hand die großen östlichen Rabbis aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verkünder, haben den Rabbi Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern gemacht. Wir sind das Meer geworden schließlich, wohin die Skandinaven ihre Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plündern oder Karthago zu erobern.

Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven Skandinaven ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie ja langsam alle bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den norwegischen Segeln liegt Christiania und das Eismeer. Über den Stockholmer Rufen weht schon die slawische Stimme. Um die dänischen Cats weht wie Versailles der weiche Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein Renntier, das zu stottern anfängt, kein Eskimo, der ein paar Runen zeichnet, kein delirierender Lappe in der Übersetzungskompagnie.

Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die Dänen. Sie schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den Fußspitzen steht, oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit dem zarten Bang uns einen radierten Impressionismus geschenkt, der entzückende Tierempfinder Fleuron, der süße Südseemaler Laurids Bruun, der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule. Dagegen sind der sibirische Vagant Madelung mit seinen gemeißelten Sachen, der tolle Jürgensen, der das Tiergebrüll der Kongonacht aufruft, von Jensens wundervollem Blut. Hinter ihnen her sind zweiundachtzig kleinwüchsigere Dänen in Deutschland ausgebootet. Darüber hat Pontoppidan dann mit der Freskenkraft eines müden Rubens sein sterbendes Zeitalter gemalt, und der große Dichter Nexö hat mit der Wildheit eines zwanzigjährigen Rodin das proletarische Zeitalter schon frohlockend an die Küste von Bornholm geschrieben.

Hinter dem gekreuzigten Quäler Strindberg haben alle lyrischen Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Erde fester wie auf Götland und Dalarne gestanden. Die schollenduftende Lagerlöf, der klassizistische Halström, der sanfte Geijerstam, der Epiker Heidenstam sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber Frank Heller versorgt das deutsche reisende Publikum fast völlig, zwanzig andere hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den Globetrotter Hamsun als Erben des Großbauern Björnson mit dem Einfluß übernommen, den englische Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der größte Bekenner der modernen Weltliteratur, Hans Jäger, aus der Frühzeit des Malers Munch und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland seine unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen können. Siebzehn Holzfällerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit Ibsens drohendem Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit belehrender Eleganz nach Swinemünde: Es lebe Deutschland.

Alles wollten wir haben, alles haben wir eingeführt, allen haben wir geholfen, an die europäische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe, jede Schwärmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst die Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber geholt, Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.

Aber es genügt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir waren so lüstern nach allen Möglichkeiten, daß wir übersahen, daß niemand sich revanchierte. Als die Franzosen durch ihre internationalsten Künstler eine Ausstellung in Paris vorschlugen, machten selbst sie den Einwand, für jedes verkaufte deutsche Bild müsse Deutschland ein französisches kaufen, während kein Bild der Deutschen in Frankreich wandert, aber tausend französische bei uns verkauft werden. Wir haben von der Welt nie das Verhältnis von eins zu eins gefordert, wir haben nicht einmal die Quote eins zu hundert verlangt, wir haben, wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht einmal daran gedacht, daß man unsere Saphire dafür wenigstens nehmen könne.

Es hat uns genügt, wenn man unsere Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien lobte, wir waren Verschwender im Einkauf und nachlässig in der Propaganda unseres Geistes nach auswärts. Wir haben die Welt kennen gelernt, ohne sie zu verstehen, die Welt hat von uns nicht einen Centime akzeptiert. Warum aber soll man jeden Mist nehmen, weil der dänische Verlag Gyldendal in seinen deutschen Verlagsfilialen die Mark mit einem halben Öre kauft? Man braucht, finde ich, nicht weniger weitherzig zu sein, wenn man nur das Beste nimmt und sich im übrigen abschließt.

Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer Gewohnheiten, wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprägt ist? Was tut der deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er sein deutsches Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf den deutschen Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, daß es auch die Welt mit umfaßt. Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns zu besitzen.

Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schönste Spitze treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europäer ist der aus der Klarheit und aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus geformte und nur dadurch Überlegene. Er ist kein Gebräu aus internationalen Theorien, deren Geruch so schlecht ist wie jener der unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man wird daher nicht deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil Frankreich ist, ist Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen zurückgeführt.

Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schöne Tugenden. Er hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die Duldung, die übermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht verwirrt. Mit Swinburne im Flugzeug flog er nach London, lag mit Dostojewski im Tornister gegen die Russen, haßte den Krieg und ließ sich doch aus Anstand für eine tote Sache erschießen. Welche Qualitäten, welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den falschen Engeln dies alles hoch! Er hat schon europäische Augen, nur einen kleinstädisch gespannten Verstand. Wüchse ihm das rechte Bewußtsein, er würde das schönste Volk der Erde.