Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwürdigen Väter der Kunst mit ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein zwischen den alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem über seine Zäune hinübergewunken, aber niemand hat zurückgerufen. Ist der Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist der Nichtantwortende der Kluge?
Ach, neutral sein in großen Dingen ist nie unverdächtig, und selbst die Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die Franzosen wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la veulent pas. Europa ist kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob della Portes Standbild tat. Sie ist eine Idee, die wird oder stirbt. Ach, Europa wird kommen, wenn wir es suchen auf allen Seiten, oder wir werden weiter winkend krepieren, aber im Sterben auch noch ihr Bild vorm Auge: Je t’aime plus qu’hier et beaucoup moins que demain.
Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fühlbar andere Sitte. Im feinen England wird man nie baskische Provinz wie in Berlin mit Fräcken spielen. Eine französische kleine Kokotte wird mit einem armen Studenten das Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in Holland. Ein englischer Sportsmann wird nie wie ein französischer oder deutscher wegen des Rekords von ein paar Minuten Kameraden im Stich lassen oder Damen im Bob anrennen. Eine französische Jury wird einen politischen Verbrecher erbarmungslos fassen, eine Frau immer freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den Unglücklichen sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden wird der dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen: und wenn die Sonne erblinde, der Paragraph müsse durch die Wand. Man wird weiter in Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England Weekend machen, in Brüssel Deserteure bildlich von der Mauer mit Militärmusik schießen, in Spanien Blumensträuße in die Bordelle senden, in Polen Kartoffeln bauen, in Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer fürchten und in Deutschland Europa lieben.
Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie auf den Rand einer Zeitung schreiben.
Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt höher in den Himmel, kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in Amerika nicht wieder fände. Es gibt keine Geschichte, die nicht gleichzeitig ein Abencerrage und ein Samurai den ihren je erzählt hätten. Skandinavien liegt fünfzehn Breitegrade (so weit wie Berlin und Tunis) gestreckt und hat das gleiche Klima, das warme Meere und Windströmungen ausgleichen, während der Süden Europas mit kalten Nächten sich temperiert. Man reist mit den gleichen Koffern, gleichen Tickets, gleichen Gesetzen. Was trennt die Kinder Europas, sich zu finden?
Selbst die Götter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der ihnen fehlte, fanden, mit dem doppelten großen Haupt, die Griechen in Rom. Sie überwiesen dafür den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit. Der mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische Jupiter werden zusammen der Göttin Europa huldigen können.
Sie würde, wenn sie käme, eine reife Laune haben, jung wie der beste Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen Marmorton der Franzosen im gleichen Takt nach ihr gehen. Die Musen hätten kein Rokokospiel, aber repräsentablen Ernst. Die Monate würden heißen wie in „Hiawatha“: Mond der schönen Nächte, Mond der Blätter, Mond der Erdbeeren, Mond des Laubfalls, Mond der Schneeschuhe. Das wäre eine angenehm kultivierte Rasse dann, die diese geliebte Lehmkugel bewohnte, mit Erinnerung an die Gletscherzeit und die Zuchtstiere, verliebt in den Boden und mit dem Gott in Ordnung und elektrische Öfen dazu.
Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweißend, den Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen überwölkt von Dampf durch den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frühling. Die Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln stürzten bereits heute in Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit Blüten strecken. Wie die Landkarte Europas sei?
Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern täglich malen. Anders wie das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nüchterner Romantik. Ein verständliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des Kopernikus mit seiner „lucerna mundi“: der Weltleuchte, umgeben von Tierbildern, Pflanzenwäldern, Menschenscharen, flammenden Polarlichtern, farbigen Ozeanen und Meersäulen. Das ist für Fakire, nicht für Menschen. Der Mensch Voltaires, glücklicher Candide, sprach die richtige und menschlichste Losung für Europa: „Bebauen wir unseren Acker.“ Alles ist dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und Menschen sind meistens einer Meinung. All right. Sie lächeln, Mijnheer? Es ist die zweitletzte Nacht.