Ich fühlte: Abenteuerlichkeit fraß sich in die Wände. Schicksal brannte in den Rahmen und wollte heraus. Sehnsüchte ohne Maß, gelebte, nur gestreifte, schwellten den Raum, daß er fast barst, und Jahre rasten auf dem Sekundenblatt der Pendüle herunter.
Ich sah in diesem Zimmer alles wie in einem glänzenden Kaleidoskop verwirrt.
Und als ich über die Schwelle zurücktrat und das Gebeugte im Gang meines Freundes sah, ward mir plötzlich das Straffe meiner Brust bewußt und das Brutale meiner Haltung, und da wußte ich, daß ich mein Leben gut gelebt hatte. Denn dies ist nicht die Frage, ob wir aufleuchtende Dinge erleben und in heiß aufklaffenden Abenteuern stehen (wie wäre das klein und subaltern), sondern es ist dieses, was dem Geschehenen erst Form gibt und Würde: was wir mit den Erlebnissen tun . . . Und ich wußte bei diesem Zusammenbruch, was mir immer klar war, das war recht:
Man soll keine Erinnerungen haben. Niemals. Nein! Und am wenigsten noch armselig Fetische bilden und seine Erlebnisse in Dinge tun. Man soll keine Beichtstühle in seine Wohnungen tun. Sie zwingen in die Knie. Dann oder wann.
Man soll die Dinge von sich werfen. Weit. Und die Erlebnisse abstreifen wie einen Seifenschaum mit nachlässiger Hand von der Brust am Morgen und am Abend und jeden Tag, damit sie uns nicht demütigen einmal früher oder später so und so.
Denn der Genuß des Abenteuers ist das ungewiß Beschwebende: Wissen, vieles Bunte getan zu haben, aber eine Luft hinter sich zu fühlen ohne Halt und ohne Farbe. Tosendes . . . rasendes Leben . . . — So ist es.
Aber auch ohne dies war das Zimmer eine Sünde gegen die Kraft: Sein Rausch war ein Anreiz im einen, und ein Opiat im andern, und eine Hemmung im Ganzen. Denn es lagen in ihm (wie ein Hohn) zusammen das Große und Schwache, und das Ungeheure wie das Süße . . . die Erhebungen, zwischen deren Polen sich die Skala unserer Erlebnisse bewegt und beglänzt, und die in dieser Spaltung, das Eine oder das Andere, maßlos entfernt und fremd voneinander und niemals zu packen in einem Griff, unser Leben ausmachen und erfüllen und so sind (im täglichen Leben) wie diese beiden Beispiele:
Die Sensation eines Expreß, der eine kleine abendliche Station durchrast — und das Erleben eines Ladens mit ausgebreiteten Seiden an einem allzuschnellen Frühlingstag auf der Meisengasse zu Straßburg.
DER TÖDLICHE MAI
ALS es nun um Ende der Woche kam, daß der Tod ihm (dem Maler und Offizier) die Eingeweide zerriß und er brüllend lag zwei Stunden lang, geschah es, daß die Pflegende erstaunte, denn das Geschrei bog sich langsam um in eine Stille, und aus der plötzlich sanften Ruhe seines Mundes stiegen jauchzende Rufe wie bunte Kugeln mählich in die Höhe und ketteten sich ineinander zu Jodlern, wie sie im Sommer der Schweiz tagelang von Berg zu Berg hinüberschweben.