„Schwester, Sie kennen das nicht. Sie kennen das nicht, daß der Himmel plötzlich ein Abgrund scheint und entflieht und die Erde unter Ihnen sanft entweicht und am Horizont ein Strudel unermeßlich aufgeht und beginnt Sie aufzusaugen, der Sie sich schon langsam zu drehen scheinen. Schwester, bleiben Sie sitzen. Es könnte mich sehr stören, wenn Sie sich bewegten. Hören Sie: ich war niemals feig . . . nie . . .“

Sie bewegte ihr stilles Gesicht hin und her.

„Sie denken an meine Auszeichnungen,“ schrie er sie an. „Nein. Sagen Sie nichts. Daran sollen Sie nicht denken. Das liegt außerhalb meiner Betrachtung. Bleiben Sie sitzen. Sie sollen an meine Seele und Ihren Mut denken. Können Sie das? He — — —“

Sie sagte, ihr sei das Leben keine so besondere Sache, daß sie nicht auch dies vermöge.

Da fing er an zu weinen, wurde sehr still und flüsterte: „Sie haben unrecht, Schwester . . . es ist alles . . . al . . . es — —“

Er schluchzte mit einem zerreißend stillen Laut.

Darauf begann er wieder zu sprechen, kalt und hart.

Seine Stimme flog aus seinem Munde, als sei sie durch ihn, beziehungslos zu den Lippen, die sie formten, aus irgendeiner dunklen Ferne geflossen. Sein Kopf hob sich bleich und edel über der Kante des Stuhls, und die Haut der Schläfen zitterte über dem blauen Geäder.

„Mitteldeutschland . . . Schwester, beim zweiten Rücktransport von der Front nach der Passion von fünf durchlegenen Lazaretten . . . Mitteldeutschland im Westen . . . und es war Mai . . . das ist fabelhaft. Der Rhein war nicht fern. Himmel seidig und bebte vor Blau.

Wir waren da fast alles Offiziere im letzten Stadium des Genesens aus böser Erkrankung wie hier fast . . . nur anders, süßer — unbeschreiblicher. Es war ein modernes Schloß mit säuligen Bogen und Wiener Keramik, mein Gott. Dahinter Wälder und überall herum schweifige Hügel und Täler, leicht gesenkt. Es gab eine phantastische Hygiene. Marmor, weißes Gemöbel, Staubsektoren, Sonnenfenster, Duschen von oben, Duschen von unten. Es gab einen unendlichen von Weite ausgedehnten blauen Tanzsaal mit einem großen glänzenden Flügel. Pariser Millionäre hatten diesen strenglinigen Tempel gebaut und ihn einer südamerikanischen Tänzerin gegeben, die da die schönsten Mädchen Europas in die gleitende Form körperlicher Musik hinein erzog. Die Mädchen waren in einer nahen Stadt damals.