Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. „Ich will es quittieren“, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt.
Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück, trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch, war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. „Naimi“, flüsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt
unter Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. „Perlen“, sie lachte gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. „Wie lange?“ Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie, herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf: „Naimi“. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie. Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.
Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. „Ich treffe Sie doch in Geschäften“, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich wortlos: „Courbisson“. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: „Sie wissen nicht, daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns trafen. Dies alles war meine Absicht.“ Er fuhr mit der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: „Der Krach mit dem Bischof stellt alles in den Einsatz.“ „Ich weiß“, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand:
„Besuchen sie mich.“ Vaudreuils Brust hob sich hoch, senkte sich.
Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, beschlichen
die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich, warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich überschwemmte, taub.
Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr
und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.